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„Mein Herr, ich besitze eine gewisse Summe als Erbtheil meiner Mutter —"„Ohne Zweifel, 30,000 schöne Franken, erheblich vermehrt und gut angelegt;ich rühme mich dessen."
„Ich komme, um sie von Ihnen zu begehren."
„Sie begehren!" rief der Vormund und sprang von seinem Sitze auf; „und umwaS damit zu machen?"
„Um sie den Gläubigern zu geben, so die Unterschrift meines Vaters auszu-lösen und ihm möglich zu machen, zu seinem Geschäfte zurückzukehren."
Bei dieser Antwort, so bescheiden von Charlotte vorgebracht, sah Herr Ravinsie an, als wenn er an der Richtigkeit ihres Verstandes zweifle, und sagte dann:
„Aber Sie träumen wirklich, mein Kind! Sich ganz zu entblößen!—"
„Ach, mein Herr, nie werde ich ein besseres Geschäft machen!"
„Und für wen? Für eine Familie... Hm, ich kenne mich darauf. Mehr als. einmal habe ich Henriot gesagt, waS ich über seine Frau dachte; aber eS war einschwacher Mann — — —"
„Schonen Sie mich, ich könnte nichts mehr hören--geben Sie mir eine
Antwort---"
„Wie, wegen deS Geldes? Es ist eine Thorheit! Ueberdieß kann eine Minder-jährige nicht über ihr Vermögen verfügen; sie kann weder verkaufen, noch kaufen,noch schenken."
„Sie weigern sich also? Die Ehre meines Vaters--?"
„Ich bin eS nicht, der verweigert, sondern daS Gesetz. Hier sind die AuSsprüche."
Charlotte durchlaS dieselben und sah, daß sie nichts erlangen könne. Siegrüßte ihren Vormund, der ihr sagte:
„Sie werden jetzt Ihre Familie verlassen; wir wollen Ihre Pension bis zuIhrer Großjährigkeit in einem Kloster Ihnen auszahlen, und dort werden Sie einrecht ruhiges Leben führen, so ganz nach Ihrem Geschmacke."
„Mein Herr," antwortete Charlotte mit sanfter Stimme, „zwingen Sie michnicht, Ihnen ungehorsam zu werden; lassen Sie mich, wo ich bin, und glauben Siemir: ich fühle mich da wohl!"
Sie grüßte ihn wiederholt, und ihn verlassend, schlug sie den Weg zu HerrnRichard ein. Der reiche Kaufmann war allein; er empfing Charlotte mit finstererHöflichkeit, in der seine Unzufriedenheit mit dem Vater und die unwillkürliche Achtung,welche ihm dessen Tochter einflößte, sich gegenseitig stritten. Gleich auf ihren Zweckzugehend, legte sie ihm ihre Lage klar dar, ihren heißen Wunsch, den Namen ihresVaierS vor Schande zu retten, ihren vergeblichen Gang zum Vormunde, den Schmerz,den sie darüber empfand; sie sprach Alles mit unvergleichlicher Wahrheit und Offen-heit und schloß ihren Vortrag mit den Worten:
„Wenn Sie, mein Herr, mir eine Bitte erfüllen und sich mit mir verständigenwollen, so gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich am Tage meiner Großjährigkeit diemir gehörende Summe Ihren Händen übergeben werde, die zur Genüge unsere Schul-den decken wird. Sie haben keine andere Garantie, als mein Versprechen; genügtIhnen dieses?"
DaS Herz des alten Herrn Richard war durch sein Geschäft und durch denUmgang mit den Menschen etwas erkältet; aber unter dieser äußern Kälte und Härteschlugen Saiten an für'S Schöne und Gute. Er blickte Charlotte an und verstandsie ganz:
„Ja, mein Fräulein," erwiderte er mit Ehrfurcht, „Ihr redliches Versprechengenügt mir, und ich hoffe, eS wird eben so den andern Betheiligten genug seyn.Ich werde ihnen selbst Ihre Vorschläge mittheilen und glaube, daß sie angenommenwerden."
„Ach, mein Herr, wie gut sind Sie!--Also die Ehre meines VaterS....?"
„Wird gerettet seyn; Alles wird auf freundschaftlichem Wege beigelegt werden;aber Sie, mein Fräulein, sind dann ruinirt; ich muß gestehen, daß dieser Gedankemich fast Ihr Anerbieten ablehnen macht."