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„O, weigern Sie sich nicht, und glauben Sie, daß der Augenblick, wo ichSie befriedigen kann, der schönste meines LebcnS seyn wird. Leben Sie wohl, meinHerr, und seyen Sie meiner ewigen Dankbarkeit versichert!"
Der Kaufmann gab ihr daS Geleite, und als er sie weggehen sah, murmelteer vor sich hin: „ES ist seltsam, eine Seele glücklicher durch Opfer, als andere durchGenuß,--es ist vielleicht eine Thorheit, aber sie hat mich überwältigt!"---
Voller Freude eilte Charlotte, ehe sie nach Hause ging, Golt zu danken: ihrHerz floß über; sie goß eS zu den Füßen deö HeiligthumS aus und empfand jeneüberschwenglichen Tröstungen, die unS in diesen Worten verheißen sind:
„Gebet, und es wird Euch gegeben werden, Ihr werdet ein gerütteltes, über-fließendes Maaß empfangen; denn man wird Euch mit demselben Maaße ausmessen,mit dem Ihr Andern eingemessen."
IX. Veränderte Lage.
Wenige Tage nachher bereitete sich die Familie Henriot dazu, daS HauS zuverlassen, welches einem andern Kaufmanne schon vermiethet war; sie trennte sich vonallen ihren Möbeln, die jetzt andere Eigenthümer hatten, und bezog arm unv ent-blößt von Allem eine kleine Wohnung am Ende der Stadt. Mit der tiefen Herzens-wehmuth, die den das Vaterland verlassenden Auswanderer ergreift, sagte auch Char-lotte dem alten väterlichen Hause Lebewohl, diesem Hause, in welchem sie geboren,ihre Mutter gestorben war, worin sie gelebt und gelitten hatte, und das sie selbstdieser Leiden wegen liebte; denn das menschliche Herz kettet sich an'S Leben weit mehrdurch Elend als durch Wohlergehen, Ihr so festes Herz brach, als sie sich von derStätte losreißen sollte, die mit allen Erinnerungen ihres Daseyns verwebt war, undnur der Ruf der Pflicht machte sie stark, als sie mit Mutter und Geschwistern diekleine Wohnung betrat, welche von jetzt an die ihrige seyn sollte. Melanie, ganzzerrüttet durch den Schlag, der sie getroffen, überließ sich völlig der Führung ihrerStieftochter; nicht daß sie dieselbe wegen ihrer Ausopferung geliebt oder wegen ihrerHandlungen geehrt hätte, sondern weil sie unfähig zum Handeln war, weil ihr Stolzgebrochen, ihre Heftigkeit geschwächt und ihre ganze Seele durch die Bande des Un-glücks überwältigt war.
Charlotte konnte also ihre neue Lebensweise eintheilen und ordnen. Sie hattekeine andere Hilfsquelle, als die aus ihrem Vermögen ihr zugetheilte kleine Renteund den Erlös des Verkaufs einiger Kleinodien, deren Gold und Edelsteine in einigeeinfache, der neuen Lage entsprechende Möbel verwandelt wurden. Nach diesen An-käufen blieb nur eine kleine Summe übrig. Charlotte suchte Arbeit und erhielt sie,aber solche Frauenarbeit, deren Erlös für ihre Bedürfnisse nicht zureichend war, diesie jedoch als ein köstliches Geschenk des Himmels mit Dank annahm. Sie zog Felicieund selbst deren Mutter zur Arbeit, die indeß Beide in Stumpfsinn und Erschlaffungverfallen waren. Julian, dessen große Jugend Herrn Richard's Interesse ans sichgezogen, wurde von diesem in dessen Bureaur gebraucht, und sah auf solche Weiseeine durch Arbeit geschaffene Zukunft sich vor ihm öffnen. Unsere Charlotte fand sichbald in ihr Leben der Entbehrungen, der Arbeiten uud Opfer, ohne mit dem Geschickzu hadern, mit dem Unglück zu unterhandeln, ohne es um einigen Aufschub, einigeVergessenheit zu bitten. Sie arbeitete mit Eifer unv Ausdauer nicht allein an Näh-arbeiten, die man ihr anvertraut, sondern auch an einigen Avministrationsschreibcn,um die sie muthig bat. Ihre beiden Gefährtinnen halfen ihr kaum, und sie alleinbesaß die Kraft, die Last einer Lebensweise zu ertragen, die beständig mit denselbenObliegenheiten verbunden war. Felicie, ein unbedachtsameS und leichtsinniges Kind,ging von einem Thränenstrome zum heitersten Lachen über, war ihrer Schwester einenur sehr unzureichende Hilfe, und verstand so hohe und edle Aufopferung nicht.
Melanie, die ganz zusammensank, arbeitete wenig und schlecht, erzürnte sichüber ihr Geschick, über ihre Kinder, brach in bittere Klagen aus beim Anblick deSfrugalen Mittags- und noch einfachern Abendessens, daS Charlotte mit vieler Sorgfall
und Reinlichkeit, der letzten Koketterie der Armuth, auftischte; sie verletzte ihre sie
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