Ausgabe 
12 (8.2.1852) 6
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besuchenden Freunde durch rauhe Worte, erzürnte sich über die, welche nicht erschienen,unv so verflossen ihre Tage abwechselnd im Zustande der Aufgeregtheit, oder in einerErschlaffung, welche ihre Seele verwirrten und ihre Gesundheit zerstörten. DiesenZuständen hielt Charlotte nur den Schild einer unerschöpflichen Geduld und Güteentgegen, die durch alle Zurückstoßuug nicht zu ermüden war Am ersten aufgestan-den, bereitete sie das Frühstück ihrer Mutter und verbesserte cS oft auf Kosten deSihrigen; dann weckre sie ihre Geschwister, betete das Morgengebet mit ihnen, undwar dann daS Haus besorgt, so entschlüpfte sie einen Augenblick, um zu den Füßendes Trösters Aller für den Tag Kräfte zu schöpfen, wohnte dem heiligen Opfer bei,und wenn sie dann am heiligen Tische Ihn empfing, der sich für Seine Brüder dar-gcgeben, so fühlte sie das Feuer der göttlichen Liebe in ihrem Herzen brennen, undkehrte gestärkter und heiterer zu ihren trockenen Beschäftigungen zurück. Der ganzeMorgen war außer einigen häuslichen Beschäftigungen der Arbeit gewidmet, undwurde oft durch die Ausbriiche der heftigsten Launen Melaniens gestört. Nach demkurzen, traurigen und stummen Mahle ging sie einen Moment auf ihr Zimmer, setztesich zum rebenbekränzten Fenster und öffnete dort die tröstendeNachahmung Christi."Diese wohlthuende Lectüre war für ihre Seele, was eine Rascnbank im Schalten deSWaldes und am Ufer des BacheS für den erschöpften Wanderer ist. Aber die mono-tone Nähnadel erwartete sie---

Nach dem Abendessen zog sie sich ebenfalls auf ihr Stübchen zurück, und be-schäftigte sich dort bis zu später Stunde mit ihren Verwaltnngscopien; daS Abend-gebet am Fuße eines MuttergottesbildeS schloß den Tag, der, von der verschlingen-den Zeit vergessen, für die Ewigkeit aufgezeichnet wurde; denn jede Stunde hatteihre Frucht getragen, die der Geduld, des Muthes, der Güte und Selbstverläug-nung. Eine große Zahl Tage verfloß ganz einander gleich, alö ein neues Unglücksich ereignete.

(Fortsetzung folgt.)

Die Mission in Mainz .

Mainz , 15. Jan. Am Sonntag den 11. Januar in der Frühe um fünf Uhrist die Mission im Dome dahicr, und an demselben Tage um 8'/z Uhr in St.Emmeran eröffnet worden. Wir ließen absichtlich einige Tage ablaufen, ehe wirunsern auswärtigen Lesern von diesem Ereignisse und seinem Verlaufe eine Nachrichtgeben wollten. Mit Recht nennen wir die Mission ein Ereignis;, sie ist es, undzwar nicht bloß ein religiöses, sondern auch ein sociales, so gewiß als die menschlicheGesellschaft auf der sittlichen und die Sittlichkeit auf der religiösen Grundlage beruht.Das waren die zwei verhängnisvollen Grundirrthümer der modernen Welt, daß manwähnte, ober doch so handelte, als ob die menschliche Gesellschaft lediglich auf politi-schen, polizeilichen und materiellen, nicht aber auf sittlichen, ja ganz und gar aufsittlichen Grundlagen beruhe, und der andere Irrthum ist an Verderblichkeir diesemgleich, daß man wähnte, man könnte eine ausreichende, ächte, lebendige und lebens-fähige Sittlichkeit im Einzelleben, in der Familie unv im öffentlichen Leben anf einetrockene und unsichere philosophische Moral, man könne sie überhaupt auf eine andereGrundlage stützen, als anf eine lebendige positive Religion, mit andern Worten aufdas lebendige, positive Christenthum, wie eS wohlgemerkt nicht etwa erst zuschaffen, sondern wie es im Volke, weil von Ureltern ererbt, weil mit der Mutter-milch eingesogen, weil in alle Lebcnsverhältnisse verschlungen, als Thatsache vorhan-den ist. Mag es noch Leute geben, die, der abgestandenen und Bankerott gewordenenWeisheit des 18ten Jahrhunderts huldigend, diese Wahrheiten nicht hören wollen, es ist gewiß, daß alle Staaten und die Gesellschaft zu Grunde gehen, wenn undwo dieselben nicht anerkannt uuo zur praktischen Geltung gebracht werden.

Die Missionen aber sind thatsächlich daS Mittel, um jene tiefste Grundlagealler Sittlichkeit und aller socialen Tugenden, das lebendige und praktische Christen-thum kräftig herzustellen. Denn auch das ist eine Thatsache, daß durch den Zusam-