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Felsen, auf den Christus seine Kirche gegründet (Matth . 16, 18), getrennt sind,durch sein kleines Scherflein baldmöglichst zu vermitteln, auf daß Alle Theil habenan der vollen Hinterlage deS Glaubens, so wie an allen Gnaden und Verheißungender katholischen Kirche .
Indem aber der Glaube nicht ein Werk der Natur, das durch VerstandeSbegriffe,nicht ein System, daS durch Vernunftschliisse constituirt wird, sondern eine reine unver-diente Gabe GotteS ist, und Niemand zu wahrer Erkenntniß desselben gelangt, außereS ziehe ihn der Vater mit seiner Gnade hinzu (Joh , 7, 44), so ist vor Allen zurerwünschten Vereinigung das gläubige, vereinte und beharrliche Gebet nothwendig,damit Alle zur Erkenntniß der Wahrheit und dadurck zu ihrem wahren Heile gelangen(1. Tim. 24). Darum, ihr Alle, jeden Alters und Standes, die ihr eure Kirche, eureNation und Sprache wahrhaft liebet, bringet zum wahren Heile derselben dieses kleineOpfer, daS aber durch daS vereinte Gebet großen Segen bringen wird, und treretdiesem Gebetsvcreine bei, auf daß wir Alle Eins werden durch den, der die Erwar-tung der Völker ist. Ihm sey Lob und Ehre. Amen."
Charlotte Henriot,
oder Ergebung und Aufopferung.
(Fortsetzung.)X. Stieftochter und Stiefmutter.
Die Gesundheit Melaniens hatte seit ihrem Mißgeschick große Stöße erlitten;sie hatte sich eigensinnig gegen die Behandlung eines ArzteS aufgelehnt, vorgebend,daß eS sich der Mühe, zu leben, nicht mehr lohne, und selbst durch CharlottensNähe nicht begreifend, daß daö Leben eine auferlegte Pflicht und nicht ein Vergnügenist, dessen man genießen soll. Eines TageS endlich, von ihrem Zustande überwältigt,konnte sie daS Bett nicht mehr verlassen, beunruhigende Anfälle erfolgten, und siewurde von dem Arzte zur strengsten Sorgfalt und der entschiedensten Ruhe aufgefordert.
„Und wer wird mich denn pflegen?" rief sie mit Bitterkeit aus.
„Ich, liebe Mutter, wenn du eS mir erlaubst," erwiverle Charlotte sanft.
Von diesem Augenblicke an wurde sie in der That die eifrigste, wachsamstePflegerin; jedoch entschloß sie sich nicht ohne geheime Kämpfe zu dem engen, immer-währenden Zusammenseyn mit der Frau, die "der Tyrann ihrer Kindheit und dieUrsache all ihrer Seelenleiden war. Sie empfand eine unwillkürliche Abneigung gegenihre Stiefmutter, und seit lange war ihr Leben ein beständiger Kampf zwischen einemsie von derselben entfernenden Gefühl und der unwiderstehlichen Liebe zu der Tugend,die sie täglich zu neuen Opfern anregte; denn Diejenigen, welche das Gute erkämpfenwollen, entdecken jeden Tag neue Felder für ihre Siege, neue Gesichtskreise für ihreSelbstverläugnung und Nächstenliebe.
Die Krankheit Melaniens war der fruchtbare Acker, von dem Charlotte erntensollte. Ihre treue, aufopfernde Pflege wurde zuerst mit der ihrer Stiefmutter eigen-thümlichen Trockenheit und Gefühllosigkeit angenommen, aber daö liebe Mädchen ließden Muth nicht sinken. Sie brachte all' ihre Zeit in diesem kleinen Zimmer zu,arbeitend oder schreibend während der kurzen Augenblicke, wo daö Leiden oder dieLaune der Kranken eö ihr erlaubten, weder von Ermüdung, noch von den abstoßend-sten Beschäftigungen zurückgehallen. ,
Zuweilen sank ihr der Muth unter dieser Last. Tiefe Traurigkeit ergriff ihreSeele bei'm Anblicke dieses kalten, ernsten Angesichtes, dieses ärmlichen und dunkelnStübchens, dieser sie drückenden Obliegenheilen; aber ein Seufzer zu Gott erhob sie;sie gedachte deS glorreichen EndeS dieser kurzen Pilgerfahrt, und crmuthigte sich,weiter zu gehen. Oft auch opferte sie ihren eigenen Kummer für die Kranke auf;ihre zurückgehaltenen Thränen, ihre bekämpften Wünsche stiegen dann gewiß als ein