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köstlich wohlriechendes Opfer zum Himmel auf, und sprachen am Richterstuhl Gottesfür Melanie, wo so oft die Barmherzigkeit die Gerechtigkeit entwaffnet«
Eines TageS war Charlotte zu Füßen der Mutter beschäftigt, eine böse Wundeam Fuße zu verbinden, deren Anblick mehr als eine Krankenwärtcrin vor Ekel zurück-gescheucht hätte. Wider Willen wurde Melaniens Aufmerksamkeit durch diese jungenund rührenden Züge gefesselt, die sich zu ihr niederbeugten, und welche das vollen-dete Bild der Sanftmuth und Liebe waren. Eine schnelle Erinnerung hielt der FrauHenriot das Leben dieses KindeS vor, in Verlassenheit und der ungerechtesten Unter-drückung verflossen; ihr Gewissen erwachte zum ersten Male, und plötzlich durch diesie so beschuldigende Vergangenheit sich tief betroffen fühlend, fragte sie sich selbst,woher sie so viele Aufopferung verdient habe. Das Herz durch ungekannte Rührunggepreßt, in der sich die Bitterkeit der Vorwürfe und die Freuden eines werdendenWohlwollens vermischten, sagte sie:
„Charlotte, du bist mir sehr gut, ich habe eS nicht verdient--"
Charlotte wurde roth, und als sie sich bückte, um ihr Geschäft fortzusetzen, fielein Crucifir'(daS ihrer Mutter) von ihrem Busen.
Frau Henriot betrachtete eS lange stillschweigend und sagte dann: „Du bistfromm, sehr fromm, darum glaube ich, bist du auch so gut. Ich habe dir nochnichts gesagt, aber seit lange rührt mich deine treue Pflege, und ich fühle wohl,daß ich sie Gott und nicht mir verdanke."
„Wirklich, liebe Mutter, wenn etwas in mir dir hat gefallen können, so hatGott eS mir gegeben--für dich gab er mir das Herz einer Tochter---"
„Einer Tochter! Sprich nicht so, Charlotte, du kannst, du darfst mich nichtlieben; ich bin so hart und ungerecht gegen dich gewesen, und doch fühle ich —wäre eS mir süß, von dir geliebt zu werden I"
Bei diesen Worten erhob sich Charlotte, nahm der Stiefmutter Hand, und sahsie mit Blicken an, die so klar von der Zärtlichkeit und Reinheit ihrer Gesinnungenzeugten, dann sagte sie:
„Ich liebe dich, Mutter, sey dessen gewiß!---"
„Aber das Vergangene! — kannst du eS vergessen, verzeihen?"
„Ich erinnere mich dessen nicht mehr--"
„Aber Gott denkt daran, Er wird mir nicht vergeben!"
„O Mutter, was sagst du da? Gort, der dich tausendmal mehr liebt, als iches kann, Er sollte die Fehler nicht verzeihen, deren du dich anklagst!"
„Wenn ich es glauben könnte! Das Vergangene verwirrt mich; seitdem ich dichso beständig um mich beschäftigt sehe, begreife ich, daß du Gott angenehm bist, unddaß Er mich verabscheuen muß.— Höre, Charlotte, sprich mir noch mehr von
Gott --vielleicht könnte ich noch einst dazu gelangen, wie du, ruhig und heiter
zu werden —"
Charlotte, wenig unterrichtet in andern Gegenständen, verstand es, von Gott auS der Fülle des Herzens zu reden; Er war ja der beständige Gegenstand ihrerGedanken, das Ziel ihrer Neigungen, der Führer und Eingeber all' ihrer Empfin-dungen. Sie sprach von Ihm mit einer zärtlichen und kindlichen Freude, die allmäligdas Herz ihrer Mutter durchdrang. Der Gott, den Diese sich bisheran als denstrengen Gott gedacht, sitzend in Seiner ewigen Nnveränderlichkeit, verschwand, unddas sanfte und väterliche Bild des Christengvlies trat an dessen Stelle, dieses Gottes,der uns mehr liebt, als eine Mutter, „denn diese kann ihres Kindes vergessen, aberEr vergißt unser nicht;" das Bild des barmherzigen Gottes, der daS Lager deSArmen bewacht, und welcher der Vertheidiger der Wittwe, der Vater der Waise ist;der, weit entfernt, gleichgiltig gegen unser Geschick zu seyn, kein Haar ohne SeinenWillen von unserm Haupte fal!en läßt, der unsere Namen in Seine Hände gezeich-net, dessen Liebe von Ewigkeit her über unS gewacht; diese göttlich erhabene Liebe,welche vor dem Werden der Welten war, und die im Voraus die armen Wesen um-faßte, welche dazu bestimmt waren, diese Erde zu bevölkern! Dieser große und gute