Ausgabe 
12 (15.2.1852) 7
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Gott war eS, den Charlotte sich bemühte, ihre Stiefmutter kennen zu lehren. Siesprach ihr vorzüglich von Jesus Christus , unserm Heilande, und mit welchem Tone,welcher Liebe! DaS einfache junge Mädchen wurde beredt, wenn sie in naiver Sprachedie Krippe beschrieb, worin der Sohn Gottes geboren, der ärmer war, als das ärmsteunter den Kindern der Menschen; die Werkstatt von Nazareth, wo Er dreißig Jahrelang sich den Arbeiten unterzog, die das Erbtheil der Söhne AdamS geworden sind;dann die drei Jahre der evangelischen Ernte, während welcher das fleischgewordeneWort durch Sein Beispiel, unterstützt durch Wunder, daS göttliche Gesetz bestätigte,daß Er der Welt zu geben kam; dann endlich den Calvarienberg, wo Er mit Sei-nem Blut das Vermäcktniß Seiner Liebe besiegelte. Charlotte ergriff mit Eifer jedeGelegenheit, um ein Wort über diesen theuren Gegenstand zu reden, der ihre ganzeSeele beherrschte. Diese Unterredungen waren oft kurz, oft unterbrochen durch dietäglichen Verrichtungen; aber ihr ganzes Leben, ihre kleinsten Handlungen bestätigtendie göttliche Lehre, in welcher zu unterrichten sie sich bemühte.

Melanie, durch ihr Leiden an ihr Zimmer gefesselt, fand Geschmack an diesenGesprächen, deren Gewicht noch einige gute Bücher unterstützten. Die dankbare An-hänglichkeit, welche Charlotte ihr einflößte, öffnete ihre Seele den Strahlen derWahrheit und den klaren Bächen der Gnade Gott hatte zugelassen, daß in diesemharten und stolzen Herzen der Hochmuth durch Unglück gestürzt, der Haß durchunaufhörliche Wohlthaten entwaffnet werde, und von dem Tage an, wo Melaniesich demüthigte, wo die Freundschaft ihre Seele erhellte, wurde sie eine Christin; denndaS 'süße Gesetz deS Heilandes kann wie eine himmlische Pflanze nur in den durchDemuth geläuterten und durch Liebe erweiterten Herzen blühen. So sagt der heiligeBischof von Genf .

XI. Die beiden Schwestern.

Die Krankheit der Frau Henriot hatte Charlotte nicht von der Sorge und Auf-sicht abgehalten, deren ihre junge Schwester bedürfte. Sie bemühte sich, ihr Liebezur Arbeit, Sanftmuth, Bescheidenheit, Liebe zur Einsamkeit, alle die bescheidenen undstarken Tugenden einzuflößen, die der Schmuck der Frau nach dem Evangelium sind,deS durch das Christenthum wiedergeborenen WeibeS, daS unter dem häuslichen Dachegroße Dinge verrichtet in der Uebung eines verborgenen Lebens und in den täglichenKämpfen mit Leiten und Unglück. Besonders suchte sie Felicie zur Frömmigkeit hin«zuneigen, jener einfachen und wahren, die für Gott die täglichen Pflichten deS LebenSerfüllt und nur Ihn zum Zeugen ihrer Bestrebungen, als Trost ihrer Leiden und Lohnihrer Kämpfe sucht.

Aber bis jetzt hatte der leichtsinnige Charakter der Schwester alle VersucheCharlottens vereitelt; daS Beispiel wurde nicht verstanden, Ermahnungen nicht ange-hört, Vorwürfe blieben ohne Erfolg, und selbst die harten Lehren des Unglücks hattendas Gemüth deS jungen Mädchens erbittert, ohne ihre Vernunft zu reifen.

Einige Pensionsfreundinnen, so leichtsinnig wie möglich, unterhielten in ihreinen Geist des Widerspruches gegen Charlottens Wünsche, und die Krankheit vonFrau Henriot machte diese Verbindungen inniger und häufiger. Mit Schmerz bemerkteJene die üble Wirkung davon, und nachdem sie geduldig Feliciens Vernachlässigungund ihre kühnen und spöttischen Antworten ertragen, glaubte sie sich verpflichtet, miteiniger Strenge zu handeln, und die Nachsicht, mit welcher sie bisher die Fehler deSKindeS übersehen, im Hinblick auf der Schwester Zukunft durch Ernst zu ersetzen.Die Gelegenheit dazu bot sich bald: Es war im Frühjahr, und die ländlichen Festezogen zahlreiche Spaziergänger zu jenen armen und malerischen Hütten, mit denendie Picardie übersäet ist, und die nichts der Kunst, aber Alles der Natur verdanken.EineS TageS kündigte Felicie der Schwester kurz an, daß sie den übermorgenden Tag,einen Sonntag, mit einer ihrer Freundinnen und deren Familie zur Kirchweihe nachValloireS zu gehen gedenke. Charlotte besann sich einen Augenblick, und sagte danneinfach: