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»Dieses Vorhaben ist nicht passend für dich; du wirst eS daher nicht ausführen."
„Und warum nicht? Wer wird mich davon abHallen?"
„Ich, die während unserer Mutter Krankheit und der Abwesenheit unseres Va-ters über dich wachen und dich abhalten muß, an gefährlichen Vergnügungen in einernoch gefährlicheren Gesellschaft Theil zu nehmen. Mein Gewissen verbietet mir, dirdieses zu erlauben, und ich wiederhole, du wirst hier bleiben."
Nachdem dieß gesagt war, setzte sich Charlotte nieder, nahm die Feder undschrieb den Angehörigen Albertinenö (der Freundin ihrer Schwester) einige Zeilen mithöflichen, aber bestimmten Entschuldigungen. Dann rief sie den im Nebenzimmerarbeitenden Bruder, und bat ihn, dieß Billet gleich wegzutragen. Während dieserZeit machte Fclicie den AuSbrüchen ihrer Thränen und ihrer Widersetzlichkeit laut undlärmend Luft. Um sie zu besänftigen, wollte Charlotte ihr die Hand reichen, dieaber unsanft zurückgestoßen wurde; sie sagte ihr nur milde:
„Liebe Felicie, du hast keine bessere Freundin, als mich; dieß beweist dir heutemeine Strenge; hoffentlich wirst du es noch einmal einsehen, und dann werden wirunS verstehen/'
Felicie brachte den ganzen Freitag und Samstag abwechselnd in Schmerz oderZorn zu; sie weinte, sie beschuldigte ihre Schwester, unv ihr Murren wurde nochstärker, als sie Samstag Abend den ruhigen, herrlichen Sonnenuntergang als Vor-boten deS schönsten Tages sah.
Wirklich beleuchtete am Sonntage die Maisonne strahlend das kleine Stübchen,daS die Schwestern beim Ausgange auS der Messe betraten; man hörte das SäuselndeS LaubeS von den Bäumen deS Walles, aus der Straße sah man Familien imSonntagsstaat daS Land aufsuchen, welches so schön seyn mußte mit seinen blühen-den Gebüschen, mit seinem unter leisem WindcShauche zitternden Korn und seinen inder ersten Frische ihres Schmuckes prangenden Gehölzen. Felicie betrachtete mit üblerLaune die hüpfenden Sonnenstrahlen im Zimmer und rief:
„Albertine ist jetzt schon weit---wie werde ich mich ergötzen, diese alten
Bücher nochmals zu durchlesen oder alte Geschichten anzuhören! —"
Sie wurde durch das Geräusch eines Wagens unterbrochen, der an der HauS-thüre hielt; es stieg Jemand die Treppe herauf, öffnete die Thür, und unsere Mäd-chen sahen Herrn Ravin eintreten, der lustig ausrief:
„Wir kommen, Felicie zu holen, um mit ihr den schönen Tag in St. Valeryzuzubringen; am Abend kehren wir zurück. Der Wagen ist unten mir meiner Frauund meiner Tochter--sie warten schon — komm, eile dich, meine kleine Felicie!"
Diese, ganz erstaunt, suchte in den Augen der Schwester zu lesen. Lachendaber stieß Charlotte sie sanft in ihr Schlafzimmer, wo das betroffene Mädchen aufdem Bette ihren frischesten Sommeranzug bereit sah: ein Jaconnet-KIeid, Handschuhe,ein Gürtel, ein weißes Mantelet, Alles war durch die zuvorkommende Sorge derSchwester hergerichtet. Charlotte kleidete sie an, ohne ihr so zu sagen Zeit zu lassen,zu sich selbst zu kommen; dann führte sie Felicie zu Frau Henriot, die sie mit demWunsche zu einem fröhlichen Tage umarmte. Endlich rollte der Wagen weg, daSKind zu entführen, daS noch zu träunun glaubte. Charlotte sah ihr nach und gingbeglückt ins HauS zurück.
Am andern Morgen arbeitete Felicie neben ihrer Schwester; sie hatte weniggesprochen, weil sie sich noch ein wenig der bösen Laune schämte, die sie in denvorhergehenden Tagen gezeigt; jedoch faßte sie einen Einschluß, erhob den Kopfund sprach:
„Herr Ravin hat mir gesagt, daß ich eS deiner Bitte verdanke, von ihm undden Seinigen gestern abgeholt worden zu seyn, daß du für mich diese allerliebstePartie eingerichtet hättest, ich danke dir sehr dafür!"
Mehr vermochte sie nicht zu sagen; denn sie empfand in Charlottens Gegen-wart eine lebhafte Verlegenheit als Folge deS großen Unrechts gegen diese. Die^ Schwester nahm freundlich ihre Hand und entgegnete:
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