Ausgabe 
12 (15.2.1852) 7
Seite
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Felicie, mein liebes Schwesterchen, ich hatte dir ein Vergnügen entzogen, daSmir nicht schicklich für dich schien; eS war also ganz billig, dich zu entschädigen.Gestehe aber, du hast mich sehr streng gefunden?"

Aber--"

Ich gebe das zu; immer werde ich streng seyn, wenn es sich um deine Grund-sätze und um deinen Ruf handelt; denn ich bin deine beste Freundin, dein Mentor,in einem Wort: deine Schwester. Ich wünsche dich glücklich und geachtet zu sehen,und verlange von dir das Bestreben, dich zu beherrschen, einige, vielleicht etwasmühsame Ueberwindungen; aber immer werde ich bereit seyn, dir Vergnügen zu ver-schaffen, und über dein Glück mich zu freuen."

Du bist gut, liebe Schwester"

Ich habe dich jieb, siehst du, darin liegt Alles--"

Ich verkannte dich sehr"

Verstehst du mich denn jetzt?"

Felicie legte ihren Kopf auf Charlottens Schulter, sie weinte, erweicht durchGüte und schwesterliche Liebe, diesen Herzensschatz, den ihre so lange verblendetenAugen zum ersten Mal entdeckten. AIS diese Rührung ein wenig vorüber war, sagteCharlotte weiter!

Wir verstehen uns jetzt und werden eS immer thun. Glaube mir, Felicie, ichhabe nur einen Wunsch, den, dich glücklich zu sehen, so wie auch unsere Mutter;aber siehst du, daS Glück ist vor Allem in uns, es wohnt im Gründe unseres Her-zens, in dem Zeugnisse unseres Gewissens, in der stillen Freude einer Seele, die mitGott, mit den Menschen und sich selbst in Frieden ist. Dieses Glück können Alle,erlangen, eS ist von allen Vorfällen des Lebens unabhängig; aber du wirst eS nichtanders erreichen, als in Erfüllung deiner Pflichten, indem vu gut und weise bist;^ das häusliche Glück erkauft sich durch Opfer, durch gegenseitiges Ertragen duwirst die Fehler meines Charakters verzeihen, ich die Verirrungen deS deinigen; wirwerden uns beide in dem Willen vereinen, unserer Mutter Achtung und kindlicheLiebe zn beweisen. Die Achtung Anderer trägt auch zu unserm Glücke bei, mangewinnt sie durch eiji geordnetes, arbeitsames Leben, durch Sanftmuth, durch die

Gefälligkeit, die man in gesellschaftlichen Beziehungen übt--Ich denke mir, daß

unser Glück aus diesen drei Elementen besteht: Frieden mit Gott, Familien-Anhäng-lichkeit und Aufopferung für Alle--Wirst du mir nicht helfen, dieß zu erreichen?"

Werde ich das können?"

Warum nicht? Und nun noch eins: Willst du einen schönen Anfang zn demLeben deS Glückes machen, das ich dir vorschlage? In drei Tagen denkt die Mutterzuerst wieder auszugehen, und natürlich geht sie, dem guten Gott zu danken, der ihrdie Gesundheit wieder schenkt; sie hat sich vorgenommen, in die Messe nach St. Wulf-ram zu gehen.--Vereinigen wir unsere Danksagungen mit den ihrigen, nähern

wir unö dem heiligen Tisch, und dann wollen wir Gott versprechen, Ihm zu dienen,Ihn zu lieben und von ganzem Herzen unsere Pflichten zu erfüllen. Willst dudiesen Vertrag eingehen und ihn durch eine heilige Communion besiegeln?"

Drei Tage nachher ging Frau Henriot, obgleich noch schwach und blaß, abermit heiterm Antlitz zum heiligen Abendmahle, auf Charlotte gestützt und von Feliciengefolgt, deren Züge den glänzenden Ausdruck wiedergewonnener Unschuld trugen.Als Charlotte so zwischen Mutter und Schwester kniete, gedachte sie auf einmal deSTages ihrer ersten heiligen Communion, wo sie an demselben Platze in gänzlicherVerlassenheit von den Menschen ihrem Heilande gelobt hatte, Die zu lieben, welchesie haßten, und Denen wohlzuthun, durch die sie so viel gelitten. Sie hatte ihrVersprechen erfüllt, und indem sie über sich selbst gesiegt, hatte sie über Andere einenleichtern Sieg erfochten, und jetzt brachte sie die so eroberten Seelen zu Füßen desHirten aller Schäflein--

_(Schluß folgt.)_

Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen.

Verlags-Jnhaber: F. E. Krcmer.