59
anspruchslos, selbst denen gegenüber, die weit unter ihm stehen; gewiß ist diese Auf-gabe für ihn, der in der Welt eine höhere Stellung einnimmt, schwerer, als füreinen Mönch, der schon durch sein ärmliches Kleid von der Welt selbst als außer ihrstehend angesehen wird. — Der Weltgeistliche muß ferner die Armuth üben, wie derOrdensgeistliche, nur mit dem Unterschied, daß bei diesem daS Opfer ein augenblick-liches, einmaliges ist, bei jenem aber ein fortwährend sich erneuerndes, daS darge-bracht wird unter steten Versuchungen und Gefahren, die sich überdieß in daS Gewandder Tugend hüllen, und die Habsucht und den Lurus erscheinen lassen als pflichtschul-dige Sorge für die Verwandten, als Wahrung deS guten Rechtes und der RechtedeS Standes, als standesmäßige Einrichtung u. dgl. Aehnlich verhält es sich mitder Enthaltsamkeit. Hier ist dem Mönch die Gelegenheit zur Sünde fast genommen,während der Weltgeistliche dieselbe kaum vermeiden kann, da er eben in der Weltund fortwährend mit ihr in Berührung steht, da er ferner der Herr in seinem Hauseist, und alle Anordnungen in Bezug auf Nahrung, Kleidung, Wohnung, Bequem-lichkeiten u. von ihm ausgehen müssen — eine fast täglich wiederkehrende Reihe vonVersuchungen. — Und doch muß er enthaltsam seyn, wie der Mönch; muß der Welt,entsagt haben, wie dieser; muß Gehorsam üben, wie dieser — diesellxn Verpflich-tungen, größere Gefahren, mehr Gelegenheiten, weniger Hilfsmittel — lauter Gründedafür, daß der Weltgeistliche einer stärkern Stütze seiner Frömmigkeit in sich selbstbedarf. Zum Schlüsse endlich sey noch der Gefahren gedacht, denen der Geistliche,besonders auf dem Lande, ausgesetzt ist — Gefahren, die nur zu unbemerkt undganz allmälig ihr Opfer erfassen und sicher verderben, wenn dieß nicht wohl gerüstetist Alle diese Gefahren entspringen auS einer gemeinsamen Quelle, der Einsamkeitnämlich, in der meist der Weltpriester sich befindet. Es fehlt an entsprechendem Um-gang, am Austausch der Gedanken und Gefühle mit Gleichstehenden, kurz an leben-diger, geistiger Nahrung und Erholung, waS bei den meisten Ordeusleuten nur alsAusnahme eintritt. Dazu kommen nun noch die Bitterkeiten des Lebens, die Wider-wärtigkeiten im Berufe, die geistlichen Trockenheiten und für all daS keine rechte Theil-nahme. Wie nahe liegen da die Gefahren zu geistiger Erschlaffung, zur Unzufrie-denheit mit dem Berufe und zu dem Bestreben, diese Ruhe und Befriedigung in ander-weitigen Beschäftigungen, wozu auf dem Lande die Versuchung nur zu nahe liegt,zu suchen, — vergeblich zu suchen! Eine öde Leere ist dann im Herzen, uud an dieStelle des ernsten EiferS tritt Gleichgiltigkeit gegen die Berufspflichten und hand-werksmäßige Uebung derselben, und am Ende kann eS sogar so weit kommen, daßder Geistliche eher alles Andere als ein Seelsorger ist. So große Gefahren bringtdie Einsamkeit, der mannigfachen Versuchungen nicht zu gedenken, die in solcher Lagedas Herz deS Menschen bestürmen. Wie fest und sicher muß da der Geistliche stehen,wie fest muß schon sein Herz in Gott gegründet seyn, wenn er unter solchen Gefahrennicht erliegen soll!
(Schluß folgt.)
»mH. llkiF ,,tiiÄ vi .' tjtMizzH, n-. xn,d,?.,,< „'! -N '.-i 6nu mtsnvs 7?? Z»vS . hkl ichiK
nun »WizF Hva'Zchm innkiM. - ckvo a-iMbS n»4 Hv-l lun snnvS siMii ":'!! wi'l
Charlotte Henriot,
oder Ergebung und Aufopferung.
(Schluß.)
-i.>s)Ni,i h,OchW6»G >i6bttkriü,6 S>o< -»A , n»<ZoHv»V »,wp mtzzy . H»5 chWXII. Hoffnungsstrahlen.
Der Tag von Charlottens Mündigkeit war gekommen; gegen Mittag übergabder pünctliche Herr Ravin ihr die Papiere der Vormundschaft und einige Stundennachher legte das jnnge Mädchen ihre Eigenthumsrechte in die Hände des HerrnRichard, des Hauptgläubigers ihres Vaters. ES flössen einige stille Thränen vonihren Wangen; Herr Richard bemerkte eS, und rief in bewegtem Tone auö:
„Sagte ich eS Ihnen nicht, daS Opfer ist zu groß!--Sie sollten sich nicht
dazu verbinden I"