Ausgabe 
12 (22.2.1852) 8
Seite
60
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so

Ach, mein Herr, enttäuschen Sie sich; wenn ich unwillkürlich weine, so isteS aus Freude, weil ich mein Versprechen habe halten und das Wort lösen können,welches Sie so großmüthig annahmen. Wäre mein Vater hier, so fehlte nichts anmeinem Glücke!" '

Sie haben noch keine Nachrichten von ihm?"

Ach nein, alle unsere Bemühungen sind fruchtlos geblieben, er hat unS nichtgeschrieben, und Alles, was wir vermuthen können, ist, daß er sich in Havre aufeine Brigg eingeschifft, die für New-Dort bestimmt war."

Wenn er den Schatz kennte, den er zurückgelassen, Fräulein Charlotte, sowürde er sich beeilen, heimzukehren. Sie erröthen? Ich will sie nicht verlegenmachen; aber glauben Sie fest, daß sie keinen treueren Freund, keinen ergebenerenBewunderer haben, als Ihren Diener Richard. Jawohl, Ihr Betragen hat michgerührt, und wenn die Frömmigkeit es Ihnen einflößte, dann ist diese eine guteSache---"

--Die wahre Frömmigkeit, mein Herr, und ich darf mir nicht schmeicheln,

sie zu besitzen, vervollkommnet unsere guten Eigenschaften, und gibt uns diejenigen,welche wir n«ch entbehren--"

Von ganzem Herzen, Amen!" sagte der alte Richard, indem er Charlotte zurThüre begleitete.

. Als sie nach Hause kam, empfing sie die Stiefmutter, welche um ihren AuS-gang wußte, mit Thränen und rief auS:

Da bist du also ganz arm geworden und für uns!"

Nun," erwiderte Charlotte heiter,also eine Ursache mehr, um zu arbeiten.Komm, liebe Mutter, laß uns gleich daran gehen, niemals habe ich mehr Muthdazu gehabt!" --

Drei Tage nachher kamen die Herren Richard und Ravin zur Familie Henriotund erklärten ihr, daß, nachdem alle Schulcen bezahlt seyen, Charlotten noch einekleine Summe von ihrem mütterlichen Vermögen zukäme. Ihre Freunde riethen ihr,dieses Geld zur Wiederaufhilfe des Geschäftes ihres VaterS zu verwenden, daS siekannte, und daS, mit Klugheit geführt, der kleinen Familie ein zwar geringes, abergenügendes Auskommen sichern könne. DaS alte Hauö in der Franciscanerstraßestand leer, und wenn Charlotte eS wieder bezöge, würden sich gewiß auch die altenKunden einstellen. Die guten Herren erboten sich, ihr noch Einiges dazu vorzu-strecken, und sie sah wohl, daß sie sich dieselben verbinden würde, wenn sie derenAnerbieten annähme. Sie schwankte daher nicht und gab zu den Vorschlägen ihrerFreunde ihre völlige Einwilligung.

Der warme Eifer derselben ging sogleich an'S Werk, und nach wenigen Wochenempfing das väterliche, einfach möblirte HauS und der reichlich versehene Laden dieFamilie, deren Seele Charlotte war. Ohne die groß.e Sorge um daS Schicksal ihresVaterS hätte das liebe Mädchen sich nun glücklicher gefühlt als je in ihrem Leben.Nicht daß, dank der sanften und doch so mächtigen Herrschaft der Güte, Frau Hen-riot ihre frühere Laune nur noch dem Namen nach gekannt, nicht daß Felicie nunplötzlich Vernunft, Sanftmuth und Thätigkeit erlangt hätte, die ihr früher gänzlichfehlten; Beide waren zwar besser geworden, liebten Charlotte innig und schätzten sienach ihrem Verdienst; allein die menschliche Natur ist so schwach, der Wille so rebel-lisch, daß, gegen ihr gutes Vorhaben, sie doch beständig die Geduld deS jungenMädchens wach erhielten. Felicie war leichtsinnig, ihre Mutter hatte zuweilen Anfällevon Laune, die sie mit dem schönen Namen der Melancholie belegte. Jedoch warendieses nur vorüberziehende Wolken an einem gewöhnlich klaren Himmel, und dieFrömmigkeit und Liebe zu Gott, welche Charlotte für Mutter und Schwester durchso viele Thränen und Gebete erfleht hatte, besänftigten diese täglich mehr zu natür-lichen Regungen, und ließen den schönen Augenblick durchblicken, wo diese drei Seelenin demselben Fluge der Vollkommenheit zustreben würden.

So aufrichtig, wie von Mutter und Schwester geliebt, war Charlotte eS nicht