Ausgabe 
12 (22.2.1852) 8
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weniger von ihrem jungen Bruder, den Herr Richard in den alten Begriffen vonEhre, Fleiß und Mäßigkeit erzog, und Julian entsprach auch vollkommen den Be-mühungen, deren Gegenstand er war. Charlotte war also glücklich, besonders durchden heiligen Frieden ihres Gewissens, durch die Liebe der Ihrigen, durch die allge-meine Achtung; aber auf dem Grunde all' dieser Empfindungen sagte sie sich bestän-dig:Warum fehlt uns der Vater?" und in allen Gebeten flehte sie: >,O Herr,führe ihn uns wieder zu!"

XIII. Das Gelübde der Matrosen.

Nach der in Arbeit zugebrachten Woche war der Sonntag für die FamilieHenriot ein Tag der Ruhe und der Freude. Die schöne und rührende FeierlichkeitdeS Gottesdienstes, das Lesen, der Besuch bei einigen armen Kranken, ein Spazier-gang am Ufer der Somme füllten die Stunden dieses nur zu schnell entfliehendenTageS auS; zuweilen, jedoch selten, ging man nach St. Valery, wo Herr Ravin,der gute Vormund Charlottens, ein Landhaus besaß.

ES war einer der heißesten Sommertage: die beiden Familien, am vorigen Abendvon Abbeville hierher gekommen, hatten sich auf einer Terrasse am Ufer deS Meeresversammelt, von wo auS man den kleinen, von einigen Fischerbarken belebten Hafenübersehen konnte, die mit ihren braunen, ausgebreiteten Segeln dunkeln Seevögelnglichen, welche die Oberfläche der Wellen kaum berührten. Eine tiefe Stille herrschtein Luft und Fluth, einige bleifarbene Wolken sammelten sich am Horizonte, und ob-gleich der Tag sich schon neigte, war die Hitze doch noch drückend.

Mutter," sagte plötzlich Julian,willst du mir nicht erlauben, etwas aus'SMeer hinauszufahren?"

O nein, mein Freund," fiel lebhaft Herr Ravin ein;wir werden keinenguten Abend haben, ein Gewitter ist im Anzüge, und das große Schiff dort in derFerne kann sich wohl in Acht nehmen.

Alle richteten ihre Augen auf den von Herrn Ravin bezeichneten Punct amHorizont; man sah wirklich ein Schiff mit vollen Segeln, daS mit Mühe gegen denzum Lande hin wehenden Wind kämvfte, und große Anstrengungen zu machen schien,vor dem nahen Wetter die Rhede zu erreichen. Im nämlichen Augenblicke durchfurchteein matter Blitz die bleiernen Wolken; Wirbelwinde peitschten dieselben, die bald denganzen Himmel bedeckten, dessen Blau vor dem matten Schwarzgrau der Wolken ganzverschwand. Einige heiße und schwere Tropfen fielen hörbar auf dem trockenen Bodennieder. Plötzlich wurde eS Nacht, und der Wächter des Leuchtthurms zündete ander Spitze des Thurmes das Licht an, dessen rother Glanz sich in den Wellen ab-spiegelte. Der Donner rollte dumpf.

Mir wird Angst," sagte leise Felicie zu ihrer Schwester.

Mir auch, ich fürchte für die armen Leute, die dort in solcher Gefahr sind.Komm, wir wollen den Rosenkranz für sie beten, willst du?"

Ich will es wohl."

Sie lehnten sich auf daS Geländer der Terrasse und beteten leise. Das Ge-witter nahm zu an Heftigkeit. Ohne Unterbrechung folgten sich die Blitze, und derDonner brüllte schrecklich drohend, wie jene feurigen Wagen, welche die Prophetenauf Israels Beugen dahinrollen sahen. Im Scheine der Blitze sah man das unglück-liche Segelschiff; kam näher, aber würde eS den Schutz des Hafens erreichenkönnen? Die Schwestern beteten mit Innigkeit und hefteten ihre Blicke unverwandtauf daö Schiff, daS, durch einen heftigen Westwind gepeitscht, immer sichtbarer wurde.Ihre Augen konnten indessen kaum mehr den Glanz deS geöffneten Himmels ertragen,der mit feurigen Linien durchzogen war, und wenn ein Feucrstreifen die Wolken durch-schnitt, und gleich darauf der Donner furchtbar krackte, dann riefen Beide auS:

O mein Gott, rette Du sie!" Ein Augenblick des Schweigens herrschteDer Blitz hat eingeschlagen," sagte Herr Ravin.Großer Gott, der SchiffS-mast brennt!"