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Aller Augen hingen in unbeschreiblicher Angst an dem von den stürmischen Wel-len hin und her geworfenen Schiffe, das seine brennenden Masten in den Wolkenschüttelte. — E-n Steuermann warf sich in eine Barke, von einigen kühnen Matro-sen gefolgt; aber mit Wuth warf der Wind ihr schwaches Fahrzeug in den Hafen
zurück--Alles schien verloren — als man beim Scheine der Blitze und deS
brennenden Schiffes eine Schaluppe sich losmachen und unerschrocken auf den Wogen
schaukeln sah.--Ein freierer Athemzug flog aus jeder Brust; mit Todesangst
folgte man den Bewegungen des armen Flüchtlings, dieser letzten Hoffnung einigerMenschen, die zwischen Tod und Leben schwebten. Das Fahrzeug erschien und ver-schwand wieder, aber doch kam es näher und näher dem Hafen — — der Sturmlegte sich, der zerrissene Himmel ließ sein Blau nach und nach wieder hervorblicken,und der Westen wurde von den purpurnen Strahlen der Sonne gefärbt, die mannicht hatte sinken sehen.
In den letzten, schwachen Strahlen sah man die Schaluppe, mit Menschen be-laden, wie einen Pfeil unweit der Terrasse dahinfliegen, und triumphirend in denHafen einlaufen. Im nämlichen Augenblick verschwand das vom Feuer verzehrte Schiffin der Tiefe des Oceans, Charlotte rief aus: „Mein Gort, wie danke ich Dir!"
Frau Henriot, Frau Ravin und Felicie weinten, Herr Navin putzte seineBrillengläser und der jubelnde Julian warf seine Mütze hoch in die Luft. Plötzlichaber rief er auS: „.Mutter, Schwestern, seht doch! die Matrosen sind auSgestiegen,sie klettern den Hügel hinan, gewiß gehen sie zu Unserer L eb-Frauen-Hilf!
Die ganze Familie schaute um und sah wirklich, wie die geretteten Seeleuteden steilen Pfad hinanklommen, der zu einer von den Matrosen wohlgekannten Capelleführte, worin die heilige Jungfrau, der MeereSsteru, unter dem schonen Namen„Unserer Lieb-Frauen < Hilf" verehrt wurde.
„Laßt uns auch hingehen!" rief Frau Henriot in dem Sturm der sie diesenAbend beherrschenden Gefühle auS.
Lebhaft wurde dieser Borschlag angenommen, und man nahm einen kürzernWeg, der in wenigen Minuten zum stillen Heiligthum geleitete. Die gothische Capellewar dunkel, nur die vor dem Tabernakel angezündete Lampe erleuchtete sie matt undwarf einen schwachen Schein auf das alte Bild Maria, die lächelnd ihr Kind imArme hielt, dann auf die zahlreichen <zx-votc> an den Wänden aufgehängt, auf silberneHerzen, Wachsfiguren, auf Dreimaster in Miniatur, auf Gemälde, die ein stürmischesMeer, darauf ein mit den Wogen kämpfeudes Schiff und Maria, durch ihren sanftenBlick die Wellen beruhigend, vorstellten. Nach und nach füllie sich die leere Capelle;man zündele die Keinen am Altare an; der Geistliche, benachrichtigt von den Gelüb-den der Seeleuie zur „lieben Frau," bekleidete sich mit den geweihten Gewändernunc> nahm seinen Play im Chor. Laut ertönte die Glocke, die Flügelthüren wurdengeöffnet und die Schiffer zogen in zwei Reihen, ihren Capitän an der Spitze, lang-sam ein. Sie hatten bluße Füße unv trugen noch ihre vom Scewasser durchnäßtenKleider. Der Priester stimmte »uu am Altare daS „1e veum lauclamus" an, undAlle knieten in Stille hin. Nach der Dankhymne sang man das „^ve NarisStell»," und als dieß beendet war, näherten sich Matrosen und Passagiere, Jedereinzeln, um am Marien-Altare ihre Wachskerze zu opsern. Sie kamen Alle anCharlotten vorüber, die sie mit Rührung betrachtete und sich ihren THnkgebeten an-schloß; da entfuhr ihr plötzlich fast ein Schrei beim Anblick Eines dieser Männer,den die flackernde Flamme der Kerze beleuchtete. Ganz außer sich ging sie zu derMutter und zog sie in die untere Halle der Capelle; die Andern folgten ihr. DieSeeleute waren nuu im Begriffe, das Heiligthum zu verlassen, um die Ruhe aufzu-suchen, deren sie so sehr bedurften. Die Matrosen wurden von den Ihrigen, vonguten Freunden begleitet; denn fast alle geHorten dieser Küste an; da bemerkte Char-lotte in der Menge Denjenigen, den ihr Herz wiedererkannt hatte. Sie flog aufihn zu, umarmte ihn mit heißen Thränen und rief aus: „Vater, Bater, du bist es!"
Fran Henriot hielt sich mit Mühe aufrecht; Navin näherte sich und sprach: