Ausgabe 
12 (29.2.1852) 9
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lienwesenS ist nur scheinbar; eS fehlt ihm der Felsengrund der Religion. Ihr glaubtihrer nicht zu bedürfen, weil ja Euer Gewerbe blüht und Eure Geschäfte gedeihenschon seit Iahren, obgleich schon seit Jahren Ihr nur in religiöser Gleichgiltigkeitund Lauheit erwerbet und schaffet. Aber wie wirv eS seyn, wenn auch für Euch dieTage deS Unglücks kommen? Und sie können kommen, ja, sie kommen wohl gewiß,früher oder später; denn sie bleiben für Niemand auS. Wie werdet Ihr dann beiEurer, durch lange Jahre sortgesetzten Gleichgiltigkeit die Schläge deS Mißgeschicksertragen? Wie werdet Ihr unglücklich seyn, wenn Euch der Welt Segen verläßt,nachdem Ihr den Segen GotteS nie gesucht habet! Wenn Ihr auch Eure Kinder zusolchen erzogen habt, die, wie Ihr, mit Geschick und Fertigkeit die Güter der Weltzu erringen verstehen, werden sie, die Ihr so gleichgilrig und lau in der Religionerzogen habt, die Prüfungen bestehen, die ihnen das Leben auflegt? Werden sie sichbewähren in der Stunde der Versuchung, wenn die Sünde mit ihrer Verführungihnen nahe tritt, wenn der Reiz deS unter Blumen verdeckten Lasters sie verlockt,wenn der Vortheil deS verborgenen Verbrechens sie blendet? Wie leicht erlebt IhrEurer Kinder Fall und Verderben! DaS wird Euch dann zwiefach schmerzlich seyn,weil Ihr selbst solches angebahnt habt durch Eure ohne Glauben und Gottesfurchtin lauer Gleichgiltigkeit geleitete Erziehung, durch Euer eigenes glaubenöleereö, inöder Erstarrung tödtendeS Beispiel. Und gesetzt, Gott läßt Euer und Eurer KinderGlück bestehen bis zu Ende, so läßt er eS bestehen in seinem Zorne, Euck zur Strafe,weil Ihr in träger Verstockung allen seinen Mahnungen taub geblieben seyd; er läßtEuch und Euren Kindern den Genuß der Erdengüter bis zu Ende, weil Ihr Euerganzes Herz an sie gehängt. Aber dieses Ende wird zuletzt einmal kommen. Wiewerdet Ihr dann die Heimsuchung der Todesstunde bestehen? Da werdet Ihr docheinmal scheiden müssen von Allem, wofür Ihr Euer ganzes Leben eingesetzt habt.Da werdet Ihr inne werden: Ihr habt für die Erde gesäet, und darum auch nurfür die Erde geerntet; für den Himmel habt Ihr in Eurer lauen Gleichgiltigkeit nichtSgewirkt, er kann und wird Euch auch dafür nichts bieten. Ihr habt mit EurenKindern Euren Lohn dahin!

(Schluß folgt.)

Die Bibliothek eines Landgeistlichen.

(Schluß.)

So ist die Stellung deS Weltgeistlichen in jeder Beziehung schwieriger als diedeS OrdenSgeistlichen, während der Letztere weit mehr Stützen seiner Frömmigkeit undweniger Gefahren hat. WaS soll nun hier helfen? Wir antworten: Frömmigkeit undStudium. Beide find den Mönchen zur strengen Pflicht gemacht; eS ist ihnen sogardie Zeit dafür genau vorgeschrieben; dem Weltpriester sind sie noch nöthiger, um soweniger hat er Ursache, sie zu vernachlässigen. Von der Frömmigkeit gibt man auchdiese Nothwendigkeit allgemein zu; wir gehen deßhalb darüber hinaus. Aber daSAndere, baß daS Studium dem Weltgeistlichen unter allen Umständen nicht bloßnützlich sey, nicht bloß eine angenehme Beschäftigung gewähre, sondern absolut noth-wendig sey für sein Seelenheil und die Wohlfahrt der ihm Anvertrauten, will manweniger zugestehen, am wenigsten beim einfachen Landgeistlichen. Man läßt nämlichzweierlei unbeachtet; einmal, daß auch der reichste Schatz erschöpft wird, wenn stetsnur hinweggenommen, nie aber hinzugethan wird, und zweitens, woran man nochweniger denkt, daß jede Kraft in der Welt ihre Entwicklung und entsprechende An-wendung verlangt. ES ist dieß ein Drang, den Gott selbst in seine Welt gelegthat, der sich darum auch immer geltend machen wird, wie in der Natur, so imGeiste: in jedem Gebiete in seiner eigenthümlichen Weise. Dort in der Natur beruhtdiese Entwicklung auf dem Gesetze des Nothwendigkeit; hier beim Geiste kann dieFreiheit sie beherrschen, gewaltsam den strebenden Geist in träger Ruhe fesseln, oder