Ausgabe 
12 (29.2.1852) 9
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vielmehr sein Streben auf einen nicht entsprechenden Gegenstand lenken. Aber nichtungestraft geschieht daS; der Geist findet keine Beruhigung, seine Kraft keine hinrei-chende Beschäftigung; darum richtet er sich zerstörend gegen sich selbst, und daS istder tiefste Grund des Weltschmerzes und der innern Zerfahrenheit und Unzufrieden-heit, daS Nichtentwickeln und Nichtverbrauchen einer vorhandenen strebenden Kraft.Wie aber wird diese Kraft unsers Geistes besser und angemessener beschäftigt, alsdurch Studium, und bei dem Geistlichen durch daS Studium der Theologie und allesDessen, waS ihm hierin förderlich seyn kann? Freilich muß dann auch daS Studiumin der rechten Weise betrieben werden, damit es nicht eher geisttödtenv als belebendund befriedigend wirde. Daher darf eS vor allen Dingen nicht Selbstzweck werden,sondern muß in bescheidener Weise stets Mittel zum Zweck bleiben, zu dem Zwecknämlich, den Geist Gott stets näher zu bringen, in die göttlichen Wahrheiten immertiefer einzuführen, sie immer mehr in sich aufzunehmen und so den Geist förmlich zunähren mit einer unendlichen und darum stets sättigenden Speise. Ist so der Vor-witz und die eitle Ruhmsucht im Haschen nach Gelehrsamkeit ausgeschlossen, danntritt eine andere Gefahr gar nicht ein, daß nämlich Dinge studirt werden, die wederder eigenen Seele nützen, noch die Herzen Anderer erbauen können. Es ist klar,daß, wenn daS Studium so betrieben wird, ein reicher Schatz von Kenntnissen sichin der Seele anhäufen wird, und daß dann nie der traurige, aber gar nicht so selteneFall eintreten kann, daß ein Geistlicher am Anfang seiner seelsorglichen Wirksamkeitblühend und frisch ist, aber bald wie Gras verdorrt, weil die Quelle versiegt, derSchatz erschöpft ist, weil er die Kraft, die er sich in der Zeit seines Studiumsgesammelt, verbraucht, und im nachherigen Müßiggang alle Frische des Geistes undalle Lust an ernsten geistigen Beschäftigen eingebüßt hat. Welch ein trauriger Zustand!Da sind die Unwissenden, und kein Lehrer; da kommen die Sünder, und eS ist Keiner,der ihnen hilft mit gutem Rath; die Traurigen bleiben ohne gediegenen Trost, dieKinder bleiben in ihrer Unwissenheit, die Gemeinde wird lau und jedem Winde derLehre zugänglich. Die Irrlehre erhebt das Haupt, und der Unglaube macht sichbreit; die Guten wagen es nicht zu reden, denn der Hirt selbst muß verstummen;die Schwachen fallen elendiglich dem Verderben anheim. Und das Alles lastet auf derSeele des Einen Mannes, der die strengste Pflicht hat, Allen Alles zu werden, unddie ihm anvertrauten Seelen Gott wieder zu bringen und wie sein Herr und Meisterzu sprechen:Vater, hier sind sie, die du mir gegeben; ich habe aus ihnen Keinenverloren! Keiner ist durch meine Schuld untergegangen!" Wie will er sich rechtfer-tigen, was will er entgegnen, wenn der Herr die Talente mit Zinsen zurückfordert?Und woher dieß zweifache Elend? Aus der verkehrten Ansicht, man habe genuggelernt, um Andere lehren, man habe genug studirt, um seinen Pflichten genügenzu können.

Wie ganz anders sieht eS bei Denen aus, die das Studium stets fortsetzenund so stets neue Schätze sammeln, immer neue Nahrung zuführen, neue Lebenskraftgewinnen! Sie schöpfen aus einer Quelle, die nie versiegt, die dem Geiste ist, wasdem Leibe die Luft, die ihm Frische, Leben und Wärme verleiht, die ihn bewahrtvor der Fäulniß der Trägheit, dieser fruchtbaren Mutter der schwersten Versuchungenund Sünden, und vor der Dürre der Geistesarmuth, dieser Quelle der Unzufrieden-heit deS Geistlichen mit sich selbst, und der Gemeinde mit ihrem Hirten, dieser Mör-derin deS religiösen EiferS und der kindlichen Hingabe an Gott; die ihn sähig macht,die Pflichten gegen seine Gemeinde treu zu erfüllen, sie zu nähren mit dein Brode,daS vom Himmel gekommen, zu tränken mit dem lebendigen Wasser und ihr zugleichmit dem guten Beispiel voranzugehen, daß sie recht erfasse die Worte:DasHimmelreich leidet Gewalt, und nur die, welche Gewalt brauchen, werden es ansich reißen."

Bei dem Studium selbst aber ist zweierlei wohl zu beachten: Einmal, daß esin bestimmter Ordnung, zu bestimmter Zeit geschehe, und daß keine andere höherePflicht uns mehr von der einmal festgesetzten Studienzeit rauben darf, als sie eben