Ausgabe 
12 (7.3.1852) 10
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des Lebens Noth niedergedrückten Seele einige Stunden der Erhebung und Erbauung,der Belehrung und Ermunterung zu frommer Gesinnung und christlichem Wandel zugewähren. So werden sie wahrhaft Knechte an Leib und Seele. Da muß in dennur von Gewinn und Noth erfüllten Herzen jede fromme Regung erkalten und jedesBewußtseyn der unsterblichen Bestimmung des Menschen in den verhärteten Seelenersterben. Gott und seine Gebote, seine Kirche und ihre Gnadenmittel werden immermehr vergessen; religiöse Erstarrung und Verwilderung gewinnen die Oberhand; daSchristlich-sittliche Leden gerälh in tieferen Verfall, und ein neues Heidenthum brichtherein. DaS schone Band der Liebe, welches die Dienstherren und Dienst- undWerkleute zu einer christlichen Arbeiterfamilie, Beiden zum Segen, verbinden sollte,hört auf; es kettet sie nur noch Gewinn und Noth zusammen, Beiden zur Erniedri-gung und zum Verderben.

Sehet da, das sind Folgen der religiösen Lauheit, daS die Uebel, welche ausdieser traurigen Quelle entspringen, geliebte Erzdiöcesanen! Die Lauheit inder Religion gebiert die Gleichgiltigkeit gegen Gott und seine heilige Kirche, und dieGleichmütigkeit führt zum Unglauben. Wo aber der Unglaube einkehrt, da schwindetdie Gottesfurcht, und wo er übermächtig wird, da hört zuletzt alle Religion auf.So war ja, als vor noch kaum sechszig Jahren der übermächtig gewordene Un-glaube in einem Nachbarlande, und selbst bis in unsere Gegenden der Religion undKirche den Untergang zu bereiten strebte. Noch leben Manche unter unö, die esgesehen haben, waS damals geschah: der Glaube war verhöhnt, die Religiongeächtet, die Zeichen deS Christenthums, die Crucifire niedergeschlagen, die Kirchengeschlossen, die Glocken und heiligen Gefäße geraubt, die Sonn- und Feiertage abge-schafft, der Gottesdienst eingestellt, die Priester verbannt oder unter dem Fallbeilegeschlachtet. Die Lebenden blieben ohne religiöse Erbauung, die Sterbenden ohneTrost, die Todten ohne kirchliches Gebet. Die heiligen Sacramente wurden nicht mehroder nur selten im Verborgenen gespendet: der sie spendete und der sie empfing, warmit der Todesstrafe bedroht. Der offene Unglaube mit seiner Schreckensherrschafttrat alles Heilige unter die Füße. Es wurde lange Zeit keine Glocke mehr gehört,und in den entweihten Kirchen war eS daS ganze Jahr still, wie ein immerwährenderTrauer- und Charfreitag ein wahrer Todestag des Herrn; denn die Religionwar todt. ES war eine trostlose, jammervolle Zeit! Daß sie jemals wiederkehre davormöge uns Gott in seiner Gnade bewahren!

Aber sie kann wiederkehren, wiederkehren mit all ihren Gräueln, wenn wirnicht selbst die verdcrbenvolle Ursache, die sie unS wiederbringen kann, unter unSbeseitigen. Ihr kennt diese Ursache, geliebte Erzdiöcesanen! Die hohen apo-stolischen Mahnworte des heiligen VaterS haben sie uns so eindringlich bezeichnet.Es ist keine andere, als die Lauheit in der Religion, die Gleichgiltigkeit gegen ihreLehren und Gebote und der aus ihnen geborne Unglaube, der von Gott und seinerKirche abfällt. Aus besorgtem Herzen hat daher unser heiliger Vater alle Bischöfeder katholischen Welt aufgefordert, ihre Diöcesanen zu ermähnen, den Glauben leben-dig in Wort und That zu bekennen, mit erneuerter Treue der heiligen Kirche sichanzuschließen und all ihre Hoffnung auf Gott zu stellen, bei dem allein nur Heilund Rettung zu finden ist. Zugleich hat der heilige Vater, zur Abwendung derdrohenden Strafgerichte GotteS und zur Erflehung seines Beistandes, ohne welchenwir nichts vermögen und der uns in dieser verhängnißvollen Zeit so noth thut, inseiner Hauptstadt Rom öffentliche Gebete angeordnet und befohlen, daß auch in allenBiSlhümern des Erdkreises gleiche öffentliche Gebete abgehalten werden. Damit aberdie Theilnahme der Gläubigen um so lebendiger angeregt und ihr Eifer zur Erneuerungdes christlichen Glaubens und Lebens um so wirksamer unterstützt und mit um sogrößerem Segen belohnt werde, hat seine väterliche Liebe, im Vertrauen auf dieErbcirmungen Gottes und in Kraft der ihm anvertrauten obersten Schlüsselgewalt,für uns die Fülle der Gnadenschätze der heiligen Kirche eröffnet und zu deren Gewin-nung ein neues heiliges Jubiläum verliehen.