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steigen zu den Kleinen, die höchsten Wahrheiten in daS einfachste Kleid hüllen, undzwar so, daß auch in diesem Gewände die Wahrheit dieselbe bleibt. DaS setzt wie-der eine genaue Kenntniß des Christenthums voraus, will man nicht Gefahr laufen,den Kindern Gift statt nahrhafter Milch zu reichen, und ist im rechten Verstände weitschwieriger, als vom Katheder einer Hochschule dociren; es gehört aber auch dazuein reicher Vorrath theologischen Wissens. Am Kranken- und Sterbelager steht derSeelsorger an Engelsstatt zu trösten, zu erheben, eine ganze Ewigkeit zu gewinnen.Eine Ewigkeit, vielleicht in einem Tage, in einer Stunde, in einem Augenblicke!Wer mag daran denken, ohne überzeugt zu seyn, wie nothwendig dem Seelsorger andieser Stelle die Kenntniß des Weges zur Ewigkeit sey? — Der Seelsorger im Pri-vcilverkehr ist es seinem Stande und sich selbst schuldig, jedem vorkommenden Irrthumbezüglich der Religion gründliche Widerlegung entgegen zu stellen. Er ist berufen,die Lüge zu zertreten, wo und wie sich dieselbe zeigt. Dazu ist die Standesautorilätallein unzureichend, und dieß namentlich in unserer Zeit, wo das Individuum nichtso fast nach seinem Stande, als vielmehr nach seiner persönlichen Tüchtigkeit geschätztwird. Es genügt also nicht, daß der Seelsorger bloß spricht, nein, er muß gründ-lich sprechen, soll der Gegner überwunden werden. Gründliche Belehrung ohne gründ-liches theologisches Wissen ist aber, wie schon gesagt wurde, nicht möglich. Es dringtsohin Alles auf die sorgfältige Pflege der Wissenschaft. Zur Pflege der Wissenschaftaber sind Bücher nothwendig, nicht viele, aber gute, und diese Bücher sind demGeistlichen unentbehrlich, eS ist heilige Pflicht seines Standes, sie zu besitzen und zubenützen. Wer sich begnügt, den Stand seiner Wissenschaft bloß auf dem Grade zuerhalten, der ihn zum theologischen Absolulorium befähigte, und mit dem Nothwen-digsten so zu sagen ausrüstete, der wird nur zu bald erfahren, daß sein Schatzerschöpft wird, und daß er hinter den Forderungen zurückbleibt, die die Zeit und seinBeruf an ihn stellen. Aber auch derjenige, der nur in den einzelnen Artikeln derZeitungen oder des Conversationslericons, und in der Häufung von Monographien dieersprießliche GeisteSnahnmg sucht, wird nicht leicht Einklang der Theologie mit derpraktischen Seelsorge anzubahnen vermögen, und nicht leicht gründliche Kenntnisseerwerben können, weil Princip und System mangeln. Auf Grundlage der aus derSchule mitgebrachten, auf Compendien und (Kollegienhefte sich stützenden Kenntnissemuß der Priester durch daS Studium gediegener gründlicher Werke jene Fort- undAusbildung in der theologischen Wissenschaft sich erwerben, welche sowohl der Fort-schritt letzterer selbst als auch seine Stellung als Lehrer der Kirche erheischt.
Vor Allem braucht er eine tüchtige Dogmatik, ein Buch, welches die katholi-sche Lehre mit Präcision treu und objectiv wiedergibt, und an daS man, als in Allemunzweifelhaft vrihodor, sich mit Sicherheit halten kann. Die „Summa" deS heiligenThomas zu lesen, und fort und fort zu lesen, wäre freilich sehr rathsam; denn derheilige Thomas ist nicht nur daS lauterste Organ der heiligen katholischen Wissen-schaft, er ist auch ein Heiliger, uud obwohl seine „Summa" ein rein wissenschaft-liches Buch ist, so ist doch Alles von dem Geiste praktischer Heiligkeit durchdrungen.Doch die Zeit ist noch nicht da, wo der Heilige nach dem Wunsche der Kirche wie-der in Wahrheit als ein lebendiger lloctor eeelesisv unter uns wirken könnte. Siewird wohl wieder kommen; allein indeß möge jeder Geistliche wenigstens eine com-pendiösere solide katholische Dogmatik in Händen und vollständig inne haben, wiez. V. die Perrone's, Liebermanns. Auch die Dogmatik deS P. Albert von Bozen,wovon der erste Theil unlängst in Innsbruck erschienen ist, dürfte für die Zukunft,wenn sie einmal vollendet ist. für diesen Zweck vollkommen genügen. Daran magman dann weitere Slndien anschließen, aber nicht vielerlei, sonst wird Frucht undLohn deS heiligen AmteS dahin seyn, sobald gelehrte Schöngeisterei Zweck und Resultatwird. Denn so rühmlich und nützlich eS auch ist, mit der neuern theologischen Lite-ratur vertraut zu seyn, so darf man doch nie vergessen, daß das ausschließliche Lesenmoderner Bücher keinen Theologen und tüchtigen Piediger der katholischen Wahrheitmacht. Die wahre katholische theologische Wissenschaft bildet eben, wenn daö Alte