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Achtung und Gunst. Allein dieß geschieht im Allgemeinen noch mehr, weil sie eben außerdem Mittelalter nicht vorkommt, also etwas Außerordentliches ist; dann liegt darin etwasRomantisches, auch ist dieser Zweig christlicher Kunst schon so sehr angepriesen und be-wundert worden, daß eS schlechterdings zum guten Tone gehört, mit in das Lob dieses„zauberischen Helldunkels" einzustimmen. Allein welch' wunderbare Wirkung auch dieseMalereien hervorbringen, rein künstlerisch betrachtet, werden sie steiS eine gewisse unter-geordnete Stellung einnehmen. Denn die geist- und lebensvolle Durchbildung andererKunstwerke werden sie nie erlangen, und stetS mehr durch die Pracht und den Glanz derFarben auf die Phantasie mächtig einwirken. Dagegen hat man im großen Ganzen sichum die zum guten Glücke noch ziemlich zahlreich vorhandenen mittelalterlichenSculpturen, namentlich die Grabdenkmäler, weniger geneigt angenommen.Und doch finden wir hier Arbeiten, welche sich selbst in äußerer, technischer Vollendungden besten Werken der Vorzeit kühn zur Seite stellen können.
Das ist schon ein sehr richtiger Gedanke gewesen, diese Monumente in den Kir-chen, Kreuzgängen oder in den Sälen der Nathhäuser anzubringen. Daö sinddie Orte, an welchen auch die hauptsächlichsten Lebenserinnerungen sich knüpfen, und woein erhabener und wahrer Zusammenhang die Todten mit den Lebenden geistig verbindet,und durch diese innere Beziehung eine heilsame Frucht erwächst für Diejenigen, welchedurch ihre Gestalten in das Leben hereinragen, so wie für Diejenigen, welche sie an-schauen und dabei an die Dahingeschiedenen gemahnt werden. Die irdische Kirche istdieser Weise das wahre, wirkliche Bild der ewigen, himmlischen Kirche, welche alle ihreGlieder umschließt. Wie sprechen die stummen, ernsten Gestalten, wie sie an Wände undPfeiler lehnen, aus den Tagen der Vorzeit ans Herz! Der Mensch ist für sich allein inder Welt nicht vorhanden, er wäre die bcdauernSwertheste Crcatur; er ist Etwaö im gro-ßen Ganzen der Menschheit. Soll er nun nach seinem Scheiden aus der Sichtbarkeit introstloser Vereinzelung uns vorgeführt werden? Darnach scheint unS wenigstens dieSitte, Monumente für sich allein, einzeln, oder gar auf Säulen gestellt zu errichten,durchaus unschön und verwerflich. Das erste Gesühl, welches beim Anblicke eines solchenunter freiem Himmel, ohne Schul) unv Halt dastehenden Monumentes das Herz be-schleicht, ist daö eines gewissen Mitleides mit der trostlosen Verlassenheit und Einsamkeit.Man stellt unwillkürlich den Vergleich an zwischen der ehemals so bewegten, lebensvollenStellung des Dargestellten und der peinvollen Lage, in die man jetzt ihn gebannt. Alleindaß man die Denkmäler großer Verstorbener auf den Straßen und Plätzen und nichtmehr in Kirchen und Rathhäusern aufstellt, hat seinen nur allzu triftigen Grund. Daööffentliche Leben ist nicht mehr ein religiöses und frommes, ist nicht mehr einbürgerliches, eingezogenes; eS hat sich der Vergötterung und dem Genusse derNatur, dem Aeußern zugewandt, eS ist aus der Tiefe, Bedächtigkeit und dem Ernstehinausgetreten in das Weite, Schnelle und Leichtfertige. Da lebt es, da will eö auchseine Erinnerungen haben. Weil die Betrachtung die Schärfe und Bestimmtheit des Ge-dankens verloren hat, darum stellt man auch in den Denkmälern mehr oder weniger Ge-bilde der Phantasie hin, welche man nach dem Geschmacke der verschiedenartigsten ZeitrnauSstaffirt; so daß — daö erste Erfordernis; der Kunst — die Wahrheit des Gegenstandesnicht mehr mit aller Kraft dem Beschauer entgegentritt Wohl hat man dieß auch gefühltund z. B. in der Walhalla dieser Verlassenheit und Einsamkeit, in welcher die Gestal-ten berühmter Männer der Vorzeit dastehen, abzuhelfen gesucht. Allein eine solcheSammlung und Aufstellung von Monumenten macht offenbar den Eindruck etwa einesWachsfigurenkabinetts, eS ist eben in dem Gebäude zunächst kein anderer Zweck zu erken-nen, als der, diesen Gebilden Dach und Fach zu geben. Aehnlich ist eS, aber in geringe-rem Maaße, mit den Gemäldekabineten, Mit welch' anderer Begeisterung muß ein Künst-ler arbeiten, der weiß, daß sein Werk einen unmittelbaren Lebenszweck, eine Anregunghaben wird, als dann, wenn seine Schöpfung in einem Saale zur kritischen Betrachtungaufgestellt wird. Die Alten haben darin gewiß den besten Weg betreten, sowohl um dieKunst auf's Höchste für ihre Ausgabe zu begeistern, als auch ihren Einfluß auf die ge-stimmte Menschheit — alle Stände und Verhältnisse — am Weilesten auszudehnen.
Waö nun die bildende Kunst betrifft, so sind wir in unserm engern Vater-