Ausgabe 
12 (21.3.1852) 12
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lande, besonders an Grabdenkmälern der vorzüglichsten Art, sehr reich. Der Domvon Mainz ist in dieser Hinsicht vielleicht der ausgezeichnetste in ganz Deutschland , odernoch weiter hin. Man kann in demselben die Stufen des künstlerischen Entwickelungs-ganges bis auf die neueste Zeit verfolgen. Wir wollen hier nicht eine kunstgeschichtlicheUebersicht seiner Monumente geben, sondern nur auf einige der vollendetsten aufmerksammachen. Erst als die Reinheit deS gothischen StyleS zu schwinden und sich vielfach inWillkür zu verirren begann, erscheinen die trefflichsten Arbeiten der Sculptur. Offenbarwar man in der technischen Fertigkeit bei den mannigfachen, zarten Verzierungen im Go-thischen bedeutend fortgeschritten. Allein nicht bloß ist eS die weiche, gleichsam elastischeBehandlungSwcise, welche dem Steine Leben einzuhauchen scheint, die uns entzückt, eS istnoch weit mehr die innere, wahre, hohe Auffassung. ES liegt ein reiner, heiliger Ernst inden Gestalten, was sicherlich davon meistens herrührt, daß eben der Künstler wußte, erarbeite für eine Kirche, für die Erbauung, Dann hält man sich durchweg an der WahrheitdeS Darzustellenden, der uns entgegentritt, wie er leibte und lebte, ohne alle erborgte, er-logene Zuthat. Steht das Monument an sich schon im Vereine mit dem ganzen Gebäude,so ist es noch näher umgeben von Ornamenten, Figuren, Gruppen u. s. w. Es ist so garnichts Gemachtes, Theatralisches an diesen Gestalten, vielmehr sind sie so schlicht, einfachund demüthig! Man sehe einmal das Denkmal deS ErzbischofS Konrad II. v. Weinsberg (gest. 1369), gleich links an der Thüre vom Leichhofe her; es ist noch schwer und einfach,aber voll Wahrheit und Leben. Vollendet schön aber sind die Monumente des ChurfürstenDiether von Jsenburg (gest. 1482), deS Prinzen Albert von Sachsen , Administrators desErzstifteS (gest. 1484), deS Churfürsten Berthold von Henneberg (gest, 1504), alle imSchiffe des DomeS befindlich, und das Denkmal des Domherrn Johann Bernard vonGablenz (gest. 1592), eine treffliche Gruppe, die ganze Familie vorstellend. Diese Kunst-werke sind entzückend schön und zeichnen sich besonders durch die Frische, Wärme und Be-weglichkeit vor den Antiken aus. Die St. Katharinenkirche zu Oppenheim , sowohl nachden Verhältnissen, als der Gliederung im Grundrisse, der Mannigfaltigkeit und Reinheitin der Durchführung eine Perle unter den gothischen Kirchen, enthält auch vorzüglicheGrabdenkmäler, auf welche wir hiemit aufmerksam machen: der Grabstein derAnnadochter deS ritterS Wolffen kämmerers zu wormS, " auS der letzten Hälfte deS fünfzehntenJahrhunderts stellt uns daS Bild einer Jungfrau von fünfzehn oder sechzehn Jahren dar,rn einer Anmuth und Lieblichkeit, welche bezaubert. Die zarte Gestalt, im edlen, leichthingeworfenen Gewände, mit diesen reinen, kindlichen Zügen, den rührend gefallenenHänden ist schon ganz verklärt und tritt uuS wie eine Lichterscheinung aus dem Himmelentgegen. Jeder wird bei diesem Anblicke tief bewegt und das lebensvolle Bild deS seligverklärten Leibes schauen. Ein anderes Denkmal aus der ersten Hälfte des sechszehntenJahrhunderts stellt die noch trefflicher ausgeführten Gestalten eines RitterS und Kämme-rers von Worms (d. h, eines auö der Familie von Dalberg) und seiner Ehefrau aus demGeschlechte derer von Sickingen vor. Der ehrliche, treuherzige Kopf des Ritters und daSsanfte, ergebene, etwas bekümmerte Antlitz seines Weibes sind von der ausdrucksvollstenWahrheit, und beide Figuren mit der größten Freiheit, Sicherheit und bis ins Einzelnstesorgfältig gearbeitet. Trefflich ist auch die Statue eines Ritters von Hanstein auS derletzten Hälfte deS sechszehnten Jahrhunderts, schon mit Ornamenten auS der wiederaufge-griffenen Antike. DaS Gesicht und die Gestalt sind höchst geistvoll, die Behandlung ganztrefflich, ungemein fein, ohne Aengstlichkeit und Kleinlichkeit. Solcher Schätze gibt eSnoch eine große Menge; sie werden aber durchaus nicht, wie billig, gewürdigt; wie vielesind aber umer den Hällden gebildeter und ungebildeter Barbaren zertrümmert worden!Möchte man sich um diese christliche, bildende Kunst doch auch bemühen, wie man sich umdie Steindenkmale der Vorzeit so sehr kümmert; jedenfalls lernt man aber daraus, daßbei dem Reichthum an solchen Menumenten aus einem Zeitraume von mehr als zweihun-dert Jahren daS Leben der Kunst damals ein sehr tüchtiges und großartiges gewesen seynmüsse, und wir unS gegenwärtig keineswegs herabwürdigen, wenn wir die Werke jenerMeister beschauen, bewundern und an ihnen lernen. (Katholik)

Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen.

Verlags-Jnhaber: F. C. Kremer.