Ausgabe 
12 (16.5.1852) 20
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Zwõlfter Jahrgang.

Sonntags⸗BeiblattzurAugsburger Poſtzeitung.

16. Mai Nr. 20. 1852.

Dieſes Blatt erſcheint regelmaͤßig alle Sonntage. Der halbjährige Abonnementspreis40 kr., wofür es durch alle königl. bayer. Poſtämter und alle Buchhandlungen bezogen werden kann

Leichenredezu Ehren des hochwürdigſtenHerrn Aloiſius Maria Blancis,Biſchofs von Syra, apoſtoliſchen Delegaten von Griechenland,gehalten vonNikolaus a Marinelli,Profeſſor der Theologie und apoſtoliſcher Miſſionär.

Ein trauriger Anblick! Ach mein liebes Vaterland, welch großer und ſchreck-licher Unfall hat ſich innerhalb deiner Mauern ereignet! Heilige, theuerſte Metropole,warum haſt du dein feſtliches Kleid ausgezogen, warum geheſt du nun in Trauer-kleidern einher? Heiliger Biſchof, warum iſt dein edles, menſchenfreundliches Antlitzwider Gewohnheit entſtellt? Drohet vielleicht Gefahr oder Unglück? Geliebte Mit-brüder, hochwürdige Prieſter, warum ſeufzet ihr alle? Liebe Mitbürger, warumweinet ihr alle? Edle und ehrſame Zuhörer, aus welcher Urſache ſtehet ihr da, ſtummvon Schmerz, mit Thränen in den Augen? Was iſt geſchehen? Wahrlich ein uner-wartetes Ereigniß! Der unerbittliche Tod hat uns plötzlich unſern ehrwürdigen, from-men, theuren Vater geraubt, unſern Biſchof, der fünfundzwanzig volle Jahre hindurchdieſer Diöceſe vorſtand! Ein trauriges Ereigniß, das jedem Herzen die tiefſten Seuf-zer, jedem Auge Thränen entlockt. Ein Ereigniß, das auch beſonders mich Unwür-digen aus tauſend Gründen zur Theilnahme an jener allgemeinen Trauer zwingt;das mich in die Nothwendigkeit verſetzt, ſtatt eine Leichenrede zu halten, ſtatt unſernehrwürdigen und tugendhaften dahingeſchiedenen Vater zu preiſen, um Nachſicht zubitten, und von der mit ſchwarzen Tüchern behängten Kanzel herabzuſteigen, undſtatt mit Worten, nur mit tiefen Seufzern und heißen Thraͤnen des Dahinſcheidensunſeres theuern Vaters zu gedenken. Doch das iſt etwas Unmögliches! Sowohlmeine kindliche Dankbarkelt gegen Ihn, ds auch eure gerechte Erwartung und ſeinheiliges Recht, welches Er auf umfere Liebe, unſere Trauer und unſer Lob hat,nöthigen mich, daß ich für den Augenblick mein Herz opfere, meine Trauer und mei-nen Schmerz zurückhalte, kurz mir ſelbſt Gewalt anthue, und euch unſern verſtor-benen, ehrwürdigen Seelenhirten(in wie fern es die Kürze der Zeit und unſereſchwachen Kräfte erlauben) vorſtelle als großen Wohlthater der Menſchheit, als mer-müdet eifrigen Biſchof, als frommſten Diener Gottes ſeinem öffentlichen, prieſter-lichen und Privatleben, damit ihr dadurch angefeuert werdet, um Ihn zu trauern,Ihn zu lieben, ſeine chriſtichen Tugenden nachzuahmen und für die Ruhe ſeinerdahingeſchiedenen Seele zu beten.