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Wien , 3. Mai. Am erſten Tage des Marienmonats iſt der Marienvereinin Wien durch den ſehnlichſt erwarteten Bericht des apoſtoliſchen Provicars für Cen—tralafrika, gleichwie durch einen andern über die Fahrt der Stella matutina, erfreutworden. Beide ſind nicht allein ſehr einläßlich, ſondern auch höchſt intereſſant. Dererſte wird auf geeignetem Wege vollſtändig, der andere wenigſtens in einem Auszugeveröffentlicht werden. Einige Notizen aus jenem dürften auch unſern Leſern, in ſo fernſie für Erweiterung des Reiches der Kirche Intereſſe haben, willkommen ſeyn.
Der Abfahrt der Stella matutina von Cairo iſt ſchon früher Erwähnung geſche—hen. Nach zwei Tagen legte ſie vor Minieh an, deſſen Gouverneur zum Beſuch amBord ſich einfand. Der guünſtige Wind feſtigte in dem Entſchluß, noch am gleichenAbend die Anker zu lichten. Unter glänzendem Sternenhimmel erfolgte die Abfahrt.Bald jedoch thütmten am nördlichen Horizont Wolken ſich auf; Finſterniß brach her—ein, Wind erhob ſich, der bald in Sturm überging und das Schiff in Gefahr brachte,aus der es nur durch die Beſonnenheit des Provicars und die äußerſte Anſtrengungder Mannſchaft gerettet wurde. Erſt gegen Tagesanbruch legte ſich der Sturm;aber auch der günſtige Wind hatte aufgehört, und nur mühſam konnten die wackernSchiffsleute das Fahrzeug ſtromaufwärls ziehen. Am 22. October erreichten dieReiſenden Piut, nach Cairo die anſehnlichſte Stadt von ganz Mittel- und Ober—
Egypten, der Stapelplatz für die aus Dar-Fur kommenden Carawanen. Dort bezeugt
eine Kirche der Franciscaner in ſchöner Ausſtattung den frommen Sinn von Oeſter—reichs erhabenem Herrſcherpaare, Kaiſer Ferdinand und ſeiner Gemahlin Maria Anna—Weiter hinauf behaupten die Söhne des heiligen Franciscus noch manche Stationunter hartem Kampf mit den ſchismatiſchen und entſittlichten Kopten und den moha—medaniſchen Oberherren!
Unter kurzdauernden Sturmwirbeln, zweimaligen Gewittern und ſelten zwiſchen-
eintretendem günſtigen Winde näherte ſich am 31. October das Schiff der Stätte,an der einſt das altberühmte Theben geſtanden. Zwiſchen den ſtaunenswerthenUeberreſten von Karnak und Luxor hat nun ſchmutziges Arabervolk ſeine Wohnſtättenaus Schlamm und Koth zuſammengetragen, und wo einſt die üppigſten Gartenanlagenmit tropiſcher Vegetation lockten, ſucht ſich jetzt zwiſchen Dorngeſtrüppe das genüg—ſame Kameel ſein karges Futter. Angeſichts des ehemaligen Tempels des Sonnen—-gottes zu Edfu wurde in der Schiffscapelle das Feſt Allerheiligen gefeiert, unter denzuſammengeworfenen Trümmern heidniſcher Götzenbilder, am folgenden Tage dasunblutige Opfer für die armen Seelen dargebracht. Darauf mahnte günſtiger Windzum Aufbruch, worguf des folgenden Tages die Katarakte von Syene, die natürlicheScheidewand Egyptens und Nubiens, zu Geſicht kamen, und Kanonenſchüſſe von denAnhöhen, die Aſſuan beherrſchen, die Ankommenden begrüßten. Dort harrten ihrerdie Gefährten, welche Cairo früher verlaſſen hatten; alle Dächer waren mit Neugie—rigen beſäet. Mem Gruß, welchen der Provicar durch ſeinen Dragoman dem Gou—verneur anbieten ließ, folgte der freundliche Mann unmittelbar an das Schiff und
verhieß alle mögliche Hilfeleiſtung zur Fortſetzung der Reiſe, namentlich um das
Schiff über die erſten Nilkatarakte hinaufzubringen. Eben ſo freundlich verſprach der
Hafencapitän Hagi-Kaptan, hiefür zu ſorgen und das Schiff nicht eher zu verlaſſen,
als bis es jenſeits derſelben im nubiſchen Gebiete ſtände. Aber es mußte vorhererleichtert, das Hauptgepäck auf Kameelen weiter gebracht werden. Der Provicarſammt einem Theil ſeiner Begleiter blieb auf dem Schiffe. Am frühen Morgen des6. Novembers, kurz vor der ÄAbfahrt, ſchickte der Hafencapitän ſeinen eigenen Paudal(ein kleines, für die Katarakte eingerichtetes Schiff), um der Stella matutins alsWegweiſer zu dienen; er ſelbſt kam mit zwei Lootſfen an Bord, indeß 200 Mannam Eingange eines eingeengten Canales zur Hilfe des Fahrzeuges harren mußten.An der ſüdlichen Spitze der Inſel Elephantine dildet die öſtliche Ecke des ehemaligen
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