Ausgabe 
12 (16.5.1852) 20
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Kneph-Tempels von der Landſeite eine ſenkrecht herabſtürzende Granitwand, anwelcher ſeit Jahrtauſenden ſchon der Waſſerſtand des Stromes iſt gemeſſen worden,beſagtes Thor, die Gränze, bis zu welcher die unterjochenden Waffen der altenmer vordrangen. Von Granitbergen umſchlofſen, glich der Nil einem See, auf wel-chem dunkle, metallglänzende Klippen in Gruppen und vereinzelt aufſtarren. Klippenund Wirbeln in behender Wendung, jetzt nach rechts, jetzt nach lints ausweichenderreichte das Schiff glücklich den durch hohe Felſenwände eingeengten Ausgang, hinterwelchem ein noch ausgedehnteres Waſſerbecken ſich öffnete. Noch half der Wind anFelſengruppen und Sandbänken vorüber und durch kreiſende Wirbel; als aber dieſchwierigſte Stelle zu paſſiren war, ließ er nach, doch nicht ſo vollſtändig, um von

dem reißenden Strome an einen Felſen geſchleudert oder auf eine Sandbank gewor

fen zu werden. Nur der äußerſten Anſtrengung gelang es, daſſelbe an zwei Felſenvorüberzubringen und für die kommende Nacht am Ufer zu befeſtigen. Unter gleicherMühſal wurde des folgenden Tages bis 10 Uhr die eigentliche Stromenge erreicht,

ein ſeichter Canal, vier Klafter breit, von Granitfelſen eingeſchloſſen und mit unzäh -ligen Steinblöcken beſäet. Hunderte von Menſchenarmen ſind erforderlich, um einSchiff über dieſe Stellen wegzubringen, denn die Steine müſſen zuſammengewälzt,Wehren gebildet werden, damit das Fahrzeug ſich ſchwimmend erhalten kann. Menſchen aus allen Richtungen des Kataraktengebietes waren in hinreichender Zahl her-zugekommen. Der Hafencapitän von Afſſuan theilte ſie in verſchiedene Rotten. Ihrerüber hundert an jeder Uferſeite hatten die armsdicken Taue, die um die Wurzel desMaſtbaumes befeſtigt waren, anzuziehen; andere, bis zu den Lenden im Waſſerſtehend, mußten die alten Wehren abtragen, hinter dem Schiffe neue errichten; dierüſtigſten Männer folgten dem Schiffe ſeitwärts, um mittelſt ihrer Muskelkraft ihmüber ſeichte Stellen und verborgene Steine hinüberzuhelfen; auf dem Verdeck ſtandmit eiſenbewehrten Stangen die Mannſchaft, um das Anſtoßen an Felſenvorſprüngezu verhüten. Unter lautem Geſchrei, welches alles Getöſe des Waſſers überlärmte,ward das Becken der erſten Wehre glücklich überſchritten. Das zweite bot größereSchwierigkeit, größer durch den gänzlichen Mangel an Zuſammenwirken; denn zogendie Zieher, ſo blieben diejenigen ruhig, welche das Schiff heben ſollten; ſtrengtendieſe ſich an, ſo ſtanden jene müßig an den Tauen. Umſonſt gab Hagi⸗KaptanZeichen, Befehle; jene wurden nicht beachtet, dieſe unter dem Geläcme nicht verſtanden; bei zwei Stunden blieb das Schiff unbeweglich. Zuletzt jagte der Capitän dieüberflüſſigen Leute davon, ſammelte die rüſtigern in einen Kreis und ſchärfte ihnenpünktliche Befolgung aller Befehle ein, da ſie ſonſt des Arbeitslohnes verluſtig gehenwürden. Dieſes letzte Wort wirkte. Jeder begab ſich wieder an ſeinen Poſten, undkräftig und übereinſtimmend wurde die Arbeit von Neuem begonnen, endlich unterallgemeinem Jubelgeſchrei die ſüdliche Mündung der Stromenge bis 4 Uhr Nachmit-tags, bald hierauf das Lager erreicht, welches die zu Land vorangegangenen Gefährten Angeſichts der Inſel Philage aufgeſchlagen hatten, wo die Ruinen des Tem

pels, der einſt längere Zeit dem Dienſte des wahren Gottes geweiht war, die Blickeauf ſich zogen.

Des folgenden Tages kamen von Aſſuan der Gouverneur, der Kadi und mehrere angeſehene Mahomedaner zur Beglückwünſchung über die glücklich zurückgelegteFahrt herausgeritten; mit ihnen auch zwei junge franzöſiſche Kaufleute, die einenMongt früher Waaren zum Verkauf dahin gebracht hatten. Sie baten den Provicarum Etlaubniß, zu der Reiſe durch die Wüſte ihm ſich anſchließen zu dürfen. Da erſie als brav und wohlgeſittet erkannte, gewaäͤhrte er ihren Wunſch, dafern es ihnengelingen werde, ihn in Korosko einzuholen. Freudig eilten ſie zurück, ordneten ihreSachen und mietheten ein Schiff, um ihm nachzufolgen. Des Morgens am10. November wurden die Schiffe wieder beladen. Am 11. feierten die Miſſionäreunter dem Meßzjelt das Feſt des heiligen Biſchofs von Tours. Für die Fahrt überdie Katarakten von Wadi Halfa nahm Knoblecher vier kundige Männer an Bord,lichtete am 12. November die Anker, paſſtrte am 18. oberhalb des Tempels von