Ausgabe 
12 (16.5.1852) 20
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Kalabſcha den Wendekreis und erreichte am 15. mit Sonnenuntergang Korosko, dasThor der Haupt-Carawanenſtraße durch die nubiſche Wüſte.

Bis hieher, ſagt er in ſeinem Bericht,galt uns Allen die Reiſe zu Schiffeals eine ſehr angenehme Luſtfahrt, die durch nichts Erhebliches geſtört worden war.Auf derStella matutina waren wir ganz heimiſch eingerichtet. Man konnte leſen,ſchreiben, ſtudiren, ſo viel man wollte, in den heißen Tagesſtunden in der Cajütehuͤbſch im Schatten ſitzen, in den Morgen- und Abendſtunden am Verdecke oder aufder Altane friſche Luft ſchöpfen und in der Nacht den prachtvollen Sternenhimmelbetrachten, ohne daß die Fahrt dadurch im mindeſten geſtört worden wäre. Eineſtricte Tagesordnung, die an Bord pünctlich befolgt werden mußte, verkürzte uns dieZeit dermaßen, daß wir uns am Abende nicht genug wundern konnten, wie inEgypten die Tage ſo ſchnell vergehen. Zur Frühandacht und zum Abendgebet riefuns das Glöckchen in die Capellez zum Mittagsmahl und zum Abendbrod, zum Anmerken der Sonnenhöhen, der Barometer- und Thermometerſtände im Reiſejournal,zum Log-⸗Auswerfen u. ſ. w. wurde in den verſchiedenen Tageszeiten ebenfalls damitdas Zeichen gegeben. Um wegen Sorgloſigkeit keine unangenehme Folgen bereuenzu muͤſſen, und um meine willensvollen Gefährten nach und nach äbzuhärten und ſiezu Führung von ferneren Expeditionen tauglich zu machen, mußte Jeder von uns inder Nacht eine Stunde am Verdecke Wache ſtehen. Jeder Wache wurden abwechſelndzwei Wachtpoſten aus der Schiffsmannſchaft zugetheilt, wovon der eine am Vorderiheil des Verdeckes, der andere über der Cajüte neben dem Steuerruder ſeinen Platzhatte. Von Zeit zu Zeit ſchrien ſich die Wachen nach Numern gegenſeitig zu, daßman die langgezogenen Töne weit herum hörte. So geſchah es, daß ſich nie Jemandmit boͤſen Abſichten in die Nähe des Schiffes wagte und daß nie in finſterer Nachtein fremdes Schiff, auf dem ſich die leichtſinnigen Egypter dem ſüßen Schlafe in dieArme werfen, die Strömung herauffahrend an das unſrige ſtieß. Danninger,unermüdlich, fleißig und ſtets gut aufgelegt, fand während des Tages freie Momente,um auf der Physharmonica erhebende Arien zu ſpielen; des Abends mußten dieStücke von lautem Geſange in vaterländiſcher Sprache begleitet werden. DieMannſchaft ſelbſt war an genaue Ordnung gebunden, durch die ſte bald umgewandelt wurde, ſa daß ſich die Barabra nicht genug darüber verwundern konnten, wiedenn ihre Bruder in der Schule der Franken ſo ganz anders geworden ſeyen. Ordnung, Heiterkeit, brüderliche Eintracht herrſchte unter uns, ſo lange wir am Nile

waren, und dieß trug nicht wenig dazu bei, daß wir weder den Einfluß des ſüdli

chen Klimas, der ſonſt auf andere Expeditionen verheerend wirkte, fühlten, noch amHeimweh litten.(Fortſetzung folgt.)

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NRom.

Rom, 11. April. So eben kehre ich vom Petersplatze zurück und habe gewißdas großartigſte und erhabenſte Schauſpiel geſehen, das es auf Erden gibte dieBenediction, die der heilige Vater, der Stellvertreter Chriſti, der Stadt und derWelt(UOrbi et Orbi) ertheilt. Aber wenn ich Ihnen dieſen hehren und heiligen Act

beſchreiben ſoll, ſo muß ich geſtehen, daß ich noch nie in meinem Leben, ſelbſt nicht

in Rom bei allen vorhergegangenen Feierlichkeiten, ſo tief gefühlt habe, wie ſchwachmenſchliche Worte und wie matt und fahl die Schilderungen ſind, die man mit den

ſelben entwerfen ſoll. Denken Sie die ungeheure Menſchenmaſſe, die dem Hochamte,

das der heilige Vater unter Aſſiſtenz aller Cardinäle und einer großen Zahl vonBiſchöfen über den Gräbern der Apoſtelfürſten und unter der rieſigen Kuppel vonSt. Peter hielt, beigewohnt hatte, ſich aus den Thoren der größten Kirche der Weltdrängen, ſie findet den großen, von Colonnaden eingeſchloſſenen Petersplatz ſchonganz gefüllt, und man ſtaunt, wenn man von den Treppen der Kirche die ungeheu-

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