Ausgabe 
12 (23.5.1852) 21
Seite
163
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

163

Er Sich blutigerweise am Kreuze dargebracht, Er, der einzige Mittler zwischen Gott und den Menschen (1. Tim. 2, 5. 6), und der ewige Hohepriester nach der Ord,nung MelchisedechS (Ps. 109, 4. Hebr . 7, 17). Um so weniger aber erscheint dasheilige Meßopfer für einen verstorbenen Protestanten zulässig, da eS ja nach derLehre deS Protestantismus über den Zustand der Seele Jenseits völlig werth' undzwecklos ist. Die protestantische Lehre nimmt an, daß die Seele nach dem Todeentweder sogleich in den Himmel, oder in die Hölle kömmt. In keinem Falle bedarfcS einer Fürbitte für den Verstorbenen, eines SühnopferS. Ist die Seele im Him-mel, nun so ist sie in Gott ewig selig, bedarf also keiner weitern Reinigung; ist siein der Hölle, nun, so ist für sie keine Erlösung zu hoffen und die Fürbitte erscheintnutzlos. Wozu also in diesem oder jenem Falle ein Versöhnungsopfer? Anderserscheint die Sache nach der Lehre der katholischen Kirche . Sie lehrt im Einklangmit der göttlichen Offenbarung und den Anforderungen der menschlichen Vernunftund deS menschlichen Gefühles, daß viele Seelen beim Tode noch nicht so rein sind,um sogleich Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen, und mit dem Allerheiligstenin die innigste Gemeinschaft zu treten, aber auch nicht in einem solchen Zustande sichbefinden , um ewig verdammt zu werden; nein, die katholische Kirche verkündet unSdie tröstliche Botschaft, daß eS nicht nur einen Himmel gebe, in den nichts Unreineseingehen kann (Offenb. 2l, 27), nicht nur eine Hölle, deren Strafen ewig währen(Matth. 25. 41.46. Mark, 9, 4247. Luk. 3, 17. und a. a. O.), sondern aucheinen Mittelzustand, einen ReinigungSort, in den solche Seelen kommen, die zwarin der Gnade Gottes sterben, aber noch nicht vollkommen gereinigt und geläutertsind. Für solche Verstorbene zu beten und zu opfern ist der Kirche ein heiliger, einheilsamer Gedanke, damit "sie von ihren Sünden erlöst werden (2. Makk. 12, 4346),erlöst aus jenem Orte, welchem die Seele nicht entrinnt, bis der letzte Heller bezahltist (Matth. 5, 25. 26), aus welchem sie aber wird selig werden, jedoch - so wiedurch Feuer (l. Cor, 3, 1315). Mit dieser Lehre vom Reinigungsorte hängt dieLehre vou der Fürbitte, von der Darbringung deö heiligen OpferS für die Verstor-benen auf das innigste zusammen, ohne sie hat wahrlich daS Opfer keine Bedeutung,eS ist werth« und zwecklos, und im Falle der Darbringung erschiene eS wiederum alSeine bloße äußerliche, ceremonielle Handlung. O tadle man doch die Kirche nicht,die ihr Heiligstes gegen jede Profanalion zn schützen sucht. Ihr sind die Gnaden-schätze der Erlösung als eine kostbare Hinterlage anvertraut; ihre Bischöfe und Prie-ster sind die verantwortlichen Verwalter und Spender der HeilSgeheimnissc, sie sinddie Diener deS Herrn, der ihnen die Talente anvertraut, und einstenS strenge Rechen-schaft fordern wird über deren Verwaltung. Achte man doch eine Kirche, die sichvon solchen Gedanken leiten läßt, und die nicht in weltlicher Klugheit, in menschlicherBerechnung etwaiger übler Folgen, auS Furcht, bei der Welt anzustoßen, und beiden Großen der Erde einzubüßen, daS Allcrheiligste zu einem Zwecke gebraucht, zuwelchem eS ihr von dem Urheber aller Gnade nicht anvertraut ist. Erkenne man dochgerade a»S solchem Auftreten der Kirche, daß ein höherer Geist sie belebt, daß sie auftieferem Fundament ruht, als auf menschlicher Kraft und Stütze, und erblicke manin ihr die Stellvertreterin Jesu Christi , bei dem kein Ansehen der Person gilt, undbei dem in solchen Fällen der Mächtigste auf Erden nicht mehr ist, denn der Niedrigste.Keineswegs aber spricht die Kirche durch die Versagung deS Meßopfers über diegeschiedene Seele ein Urtheil: dieses steht ja einzig und allein Gott dem Allerhöchstenzu. Beschuldige man deßhalb doch ja nicht die Kirche deS Mangels an Liebe!

Wurde aber durch den angeordneten TrauergotteSdienst ohne Seelenamt daSAndenken an den Höchstseligen Großhcrzog Leopold K. H., deS von mir und allentreuen Katholiken stets mit tiefster Ehrfurcht verehrten, mit innigster Liebe geliebten,und' nun mit größtem Schmerz betrauerten LandeSvaterS, nicht würdig, nichtehrenvoll und entsprechend gefeiert?

Eine unbefangene, vorurtheilöfreie Würdigung der kirchenobrigkeitlichen Anord-nung wird gewiß jeden überzeugen, daß jedenfalls die in den katholischen Kirchen