Ausgabe 
12 (30.5.1852) 22
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Erste, was diese nubischen Magnaten verlangten, waren Geschenke (Bakschich);anfangs Rauchtabak, dann Schnupftabak, zuletzt Pulver und Blei, denn von hierbis oberhalb Akbe bettelt Alles, angefangen von dem kleinen Kinde bis hinauf zuScheikh und Effendi. Ich erklärte rundweg: was wir haben, das brauchen wir selbst.Mit diesen ernst gesprochenen Worten mußten sie sich zwar zufrieden geben, aber wieangenagelt saßen sie dennoch bis in den späten Aben5. Ich konnte jedoch nicht war-ten, bis sie sich verabschiedeten, da ich mich zum Effendi zu verfügen hatte, um fürseine Gefälligkeit und für sein Geschenk meinen Dank abzustatten. Letzteres war frei-lich durch Mahomed Aga' in ächt arabischer Weise vertuscht worden; eS hatte inFleisch bestanden; Mahomed aber gab vor, dasselbe gekauft zu haben, und ließ sichdafür bezahlen. Der Effendi, ein freundlicher bulgarischer Greis, der noch einigeWorte slavisch verstand, bewirthete mich mit Kaffee und versah mich mit zwei Schrei-ben für Wadi-Halfa. Zufällig befand sich Halil, der Effendi dieses OrteS, zu Derr.Er ließ mich fragen, ob er nicht mit mir nach Hause fahren könnte? Da er für denKatarakt von Wadi-Halfa die Mannschaft zu besorgen hatte, durfte ich ihn nicht ab-weisen, verlangte nur, daß er zur rechten Zeit bereit sey, weil ich weiter kommenmüßte. Er traf pünktlich ein und war, gleich seinem Bruder und seinem Schreiber,unser Gast. Halil-Effendi ist ein großer, über sechs Fuß hoher Mann, freundlichenAussehens, und gefälligen Benehmens, in dessen Sprache und Physiognomie etwaSVornehmeres sich kund gibt, wie ich es sonst an keinem Berberin je wahrnahm. Alleseine Fragen drückten etwas Charakteristisches aus, waS sich auch auf seinen Sohnverpflanzt hat, einen lieben Jungen von zehn Jahren, der mich flehentlich bat, beieiner Reise nach Europa ihn doch sicherlich mitnehmen zu wollen. Einst bei spätemWegreiten von Wadi-Halfa rief er mir freundlich und theilnehmend zu:Reite gut,denn die Nacht ist finster!"

So fuhren wir den 22. November mit geringem Winde, der den ganzen Tagüber blieb, von Derr ab. Bald mußte gerudert, bald gezogen werden, was unsMuße gewährte, die schöne Gegend mit ihren hohen Dattelpalmen zu betrachten.Aber bloß um sieben Meilen kamen wir vorwärts. Nicht viel besser ging eS desfolgenden TageS, an welchem wir an der einst starken Festung Jbrim, von steilemFelsen den Nil beherrschend, vorüberfuhren. Erst am Nachmittag deS dritten TageSerhob sich ein kräftigerer Wind, der aber bald in Sturm überging, indeß wir an derOstseite der Insel Belani, wenn nicht ruhig, doch gesichert ankerten. Wieder folgteunerträgliche Windstille, bis gegen acht Uhr Abends der Sturm dergestalt zu wüthenbegann, daß wir, vieler seichten Stellen wegen, uns genöthigt sahen, die Segel zureffen und bei der Ortschaft Debros zu übernachten; dabei siel das Quecksilber von21, auf 13, Am folgenden Tag 10 Uhr erreichten wir Wadi-Halfa. Zwei Reiese,kundige Kataraktenmänner, begrüßten das Schiff, verwundert über das Wagniß, indieser Jahreszeit die Katarakten passiren zu wollen. Sie kamen an Bord, um meineWünsche zu vernehmen, und setzten meiner Frage: ob eS möglich wäre, über dieKatarakte hinaufzukommen, Zweifel entgegen, ohne jedoch die Hoffnung gänzlichabzuschneiden. Zuvor wollte ich also die Katarakte recognosciren. Zu diesem Zweckebestieg ich ein kleines Schiff mit Ruder und Segel und mit LebenSmitteln versehen, dennes hieß, vor Sonnenuntergang könnten wir nicht zurück seyn. Obwohl das Schiff-chen mit dreizehn Personen bemannt war, trieb eS der Wind doch schnell stromauf-wärts; allein bald mußten die Ruder eingelegt werden, und in den Stromschnellenging von Zug zu Zug die Fahrt beschwerlicher. Plötzlich ließen die SchiffSIcute dieRuder sinken und hoben insgesammt die Hände zum Himmel. Verwundert hierüber,fragte ich, was es denn gäbe? Da wiesen sie auf den Gipfel eines links sich erhe-benden Berges; dort liege ihr heiliger Scheikh Abdel-Kader begraben, diesen bätensie um Beihilfe. Ein schönes Seitenstück, dachte ich, zu der schlimmen Gewohnheit,die in so manchen Gegenden Europa'S , besonders unter den Arbeitsleuten, herrscht,daß sie, wenn vermöge ungeschickten Benehmens etwas nicht von statten geht, wieBesessene hundert und hundert Gott-sey-bei-unS herbeirufen. AuS dieser Verglei-chung heraus riß mich daö brausende Anprallen der Strömung an das kleine Schiff.