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DaS Segel wurde eingezogen, das Glück mit den Rudern versucht; umsonst; nichtvorwärts, nicht rückwärts wollte das Schiff, als plötzlich ein Wirbel uns begünstigte;ein kräftiger Ruderschlag, und wir standen an dem Felsen vor einem Thore, woGranitblöcke das Flußbett einengen, bei genügsamem Wasser jedoch die Durchfahrtimmer noch möglich ist. Die eigentlichen Katarakten liegen zwei Stunden weiterhinauf. Wir gingen nun, um Alles auszuspähen, zu Fuße. Die Ueberfahrt schienmir schwierig, doch nicht unmöglich. Als ich aber nachher von noch größeren Kata-rakten weiter hinauf sprechen hörte, gereute es mich, nicht auch diese in Augenscheingenommen zu haben. Wie, dachte ich, wenn so unser Schiff gefangen liegen müßte?Meine erste Frage in Betreff der weitern Katarakten war daher: ist dort auch genugWasser? Bei der Antwort: „Viel, sehr viel," war ich beruhigt, überzeugt, daß beigenügsamem Wasser, sofern nicht verborgene Steine die Fahrt hemmten, ein eisernesSchiff unter besonnener Leitung, mit festen Stricken und richtig angewendeten Men-schenkräften jeden Katarakt von vier bis fünf Fuß Gefälle auf eine halbe Klaftersicher überwinden werde, um so viel leichter bei verlängerter Strömung. Zu unsermSchifflein zurückgekehrt, überschaute ich nochmals die Katarakten, in denen schon somanche Schiffe in Trümmer gegangen sind, so viele Menschen ihr Grab gefundenhaben; denn nichts als Felseninseln auS Granit, rechts und links in den Sonnen-strahlen gleich Spiegeln glänzend, jeden Augenblick eine andere Richtung des Schiffeserheischend, stellten dem Auge sich dar. Von lebenden Wesen sah ich außer Turtel-tauben und Nilgänsen, die in schnellem Fluge über die unwirthliche Gegend sich hin-wegschwangen, nichts.
Zu nicht geringem Erstaunen Aller erklärte ich, die Fahrt zu versuchen, ohneden Hauptkatarakt gesehen zu haben. Wohl hatten sie Recht; denn auf einem höl-zernen Schiffe würden wir unfehlbar zu Grunde gegangen seyn. Ich aber, um nichtgrößere Zaghaftigkeit hervorzurufen, unterdrückte jeden Zweifel. Schnell fuhr unserkleines Schifflein die Strömung hinab; aber wehe uns, wäre das kleine Ruder zer-brochen I Im Nu wären wir an einen Felsen geworfen worden; schwimme alsdannwer kann! Ehe noch die Sonne ihre letzten Strahlen über die geheimnißvolle Wüstesandte und die glänzenden Sterne hinaufzogen, waren wir wieder an unserer 8teIIsmatutina angelangt. Halil-Effendi harrte am Bord, um den Contract für die Fahrtabzuschließen. Er ging von 1000 auf 500 Piaster zurück, wofür er 150 kräftigeMänner zu stellen versprach. Unverweilt wurde Alles vorbereitet, zu Erleichterungdes Schiffes jedes Entbehrliche an das Land gebracht, um am 29, November diegefährliche Fahrt zu beginnen.
Einzig der Schmied und ich blieben auf dem Schiff, in Hoffnung, binnen dreiTagen jene zu vollenden. ES war ein Viertel vor zehn, als wir von Wadi-Halfauns entfernten. Erst zeigte sich der Wind günstig; kaum hatten wir jedoch i'/^ Meilezurückgelegt, als er inne hielt, was zur Landung am rechten Ufer nöthigte. DieLeute fingen bereits an, zu murren, ließen sich aber dennoch einspannen, und sowurde die eine und die andere der ersten Stromschnellen nebst der Wendung um einengefährlichen Felsen glücklich überwunden, eine Furth ruhigen Wassers gewonnen, woaber die Mannschaft auf das andere Ufer mußte übergesetzt werden. Die Einenbestiegen das große Schiff, die Andern den Sandal (das kleine Kataraktenschiff), dieDritten setzten auf ihren Schläuchen über. Hier war eine der stärksten Stromschnellcnzu bekämpfen. Da bedienten sich aber die Zieher, Herrn Rociancic's Warnung ent-gegen, deS schwächern Seils; die Strömung riß daS Schiff in die Mitte, jene ließendaS Seil fahren und das Schiff schnellte an den jenseitigen Felsen zurück. Aus Holzgebaut, wäre es unfehlbar zerschellt; die Stella mswtins kam mit einem Bug davon.AIS die Leute — der Schmied hätte sie gerne zusammengeprügelt, wäre er nichtdurch Herrn Rociancic zurückgehalten worden — sahen, daß das Schiff viel aushal-ten könne, faßten sie Muth. AIS es aber wieder im besten Zuge sich befand, konn-ten sie den Seitenstrick nicht rechtzeitig nachlassen, so daß es sich zwischen zweiGranitblöcken einklemmte, und theils der Strick entzwei gehauen, theils daS Schiffmit Stangen mußte gehoben werden. Ueber allem dem gingen mehrere Stunden