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Einfluß, welchem jeder Indianer seit seiner Kindheit einen freiwilligen Gehorsamgelobt hat. Die Augustiner-Barfüßer -Mönche, welche den Jesuiren im Jahre 1767nachfolgten, haben nichts von der moralischen Macht der ersten Missionäre verloren.Für die Einwohner der Mariannen haben diese Glieder deS spanischen Kleruö niemalsaufgehört die Repräsentanten der Gottheit auf Erden und die einzigen Beschützer zuseyn, welche der Indianer gegen etwaige Bedrückungen der weltlichen Macht anrufenkann. Nur durch den Zauber dieses geheiligten Charakters und vorzugsweise durchdie Beziehungen wohlwollender Fürsorge kann man sich die unglaubliche Herrschafterklären, welche noch heute auf die Bevölkerung die beiden Pfarrer von Agagna undAgat (auf der Insel Guam ) ausüben. Diese beiden Mönche sind die einzigen arbeits-fähigen Priester, aus denen der KleruS der Inselgruppe der Mariannen besteht.Von zwei andern Hirten, denen die Leitung dieser eifrigen und gelehrigen Hecrveanvertraut ist, scheint der eine, der Pfarrer von Merizo, an einer GeisteSzerrütlungzu leiden, der andere ist ein kranker und'fast achtzigjähriger Indianer, welcher dieStadt Agagna nicht mehr verlassen kann. Man könnte sich nicht leicht einen voll-kommneren Contrast denken als den, welchen der Pfarrer von Agagna und der vonAgat, der Pater Vincenz und der Pater Manuel, darboten, beide Glieder desselbenOrdens, beide von gleicher Ehrfurcht ihrer Pfarrkinder umgeben. Als ehemaligereifriger Carlist verbannt, hatte der Pater Vincenz auf Alles vergessen, auf die gro-ßen Ebenen der Mancha, wo er das Licht der Welt erblickt, auf den blauen undheitern Himmel von Spanien , auf die Freunde, deren Hand die seinige vor derAbreise gedrückt, auf die Fahne selbst, unter der er lange Zeit mit seinen Wünschenund Gebeten gekämpft, um an nichts mehr, als an seine theuren Indianer zu denken,an ihr Heil und an ihren geistlichen Fortschritt. Die Physiognomie deS Pater Vin-cenz, seine von frühzeitigen Falten gefurchte Stirn, seine durch AScese und apostoli-sche Arbeiten abgemagerten Züge verdienten unserm Gedächtniß sich tief einzuprägen.Noch jetzt glaube ich ihn zu sehen, jene strenge Figur, jene tiefliegenden Augen,jenen von einem düstern Feuer glühenden Blick, dessen Glanz nur von der evangeli-schen Liebe gemildert wurde. Es war ein Mönch deS Mittelalters, dieser Pfarrervon Agagna; seine Gestalt in den weißen Mantel der Augustiner gehüllt, erinnertesprechend an jene Typen, welche der Pinsel eines Ribcira und Velasauez verewigthat. Der Pater Manuel, mit seinem breiten Gesicht und gleichsam dreifachen Kinn,konnte keine dieser poetischen Ideen hervorrufen; es war eines jener fröhlichen MusterdeS spanischen KleruS, über welche unsere gallicanischen Vorurtheile mit viel zu gro-ßer Voreiligkeit unbarmherzig den Stab brechen. Ein aufrichtiger Glaube, ein stren-ges und eifriges Festhallen an allen Pflichten seines Amtes, hielten vollkommen imGleichgewicht die andalusische Fröhlichkeit und die liebenswürdige Offenheit deS PaterManuel. Der unermüdliche Pfarrer beschäftigte sich mit demselben Eifer mit dengeistlichen und den zeitlichen Interessen seiner Schafe. Er war es, der sie gelehrthatte, den geeigneten Boden für ihren Anbau deö Mais und der Tarowurzel zu wäh-len u. s. w. Das Dorf Agat war ein lebendiger Beweis der Thätigkeit und deSwohlthätigen Einflusses seines Pfarrers. Es war daS regelmäßigste und reinlichsteDorf der ganzen Insel. Die Straße, welche es durchschnitt, war immer frei vonUnrath; waren die Brücken durch einen Orkan zerstört worden, so wurden sie augen-blicklich wieder hergestellt. Die Kirche, von der Frömmigkeit der Gläubigen gebautund unterhalten, hatte ihres Gleichen in keinem andern Dorfe, und wenn beim Glänzestrahlender Kerzen das Madonnenbild auf dem Altar mit dem Festtagsmantel bekleideterschien, hätte man aus dem heil. Bilde Perlen und Goldzierrathen bemerken können,welche den Neid der Einwohner von Agagna rege machen mußten.
(kevuö des äöux Uonäes.)
") Sollte nicht hier ein Irrthum obwalten und die Patres vielmehr dem Orden der Carmeliterangehören?
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