Zwölfter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augstmrger PojWtung.
13. Juni M- 2^. 185s.
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Die Freiheit der Kirche.
WaS schon längst von einsichtsvollen Männern anerkannt und als unbedingtnothwendig für die bessere Gestaltung der Gesellschaft ersehnt worden war: daßnämlich ächte, wahre Gottesfurcht die Menschen durchgingen und zu dem Ende dieKirche — denn sonst ist dieß nicht möglich — alle ihre reichen Mittel entwickelnmöge, um den Geist deS Volkes auf das Wahre und Ewige hinzulenken und damitGewissenhaftigkeit, Opferwilligkeit und Liebe zu guten Werken in den Herzen zuentzünden, daS ist durch die Fügung der Vorsehung durch daS Jahr 1848 zu einemgroßen Theile wenigstens wirklich geworden. Als damals Alles sich löste und andaS Tageslicht trat, da begann auch, zwar schüchtern anfänglich, die alte, frommeGesinnung zu leuchten und Wärme um sich zu verbreiten. In so fern ist jenes Jahrein wahres Jahr des HeileS; viele Menschen haben eS böse gemeint, Gott aber hatdaraus Gutes gemacht! Das von der Religion getragene Leben zeigte sich wiedereinmal Angesichts der ganzen Welt in zahlreichen Vereinen zur Verbreitung einerkräftigen, wahrhaft religiösen Gesinnung, in wohlthätigen Gesellschaften, in Verbrü-derungen zu besondern Werken der Frömmigkeit. Der schlummernde Sinn für daSGöttliche wurde erweckt durch die alterprobten Mittel, durch Missionen, Wallfahrten,Andachten. Nur ein ganz verblendeter Mensch könnte in Abrede stellen, daß dießAlles unendlichen, mit Händen zu greifenden Nutzen in allen Verhältnissen des LebenSgestiftet habe.
Und dennoch war die Anwendung der angegebenen, so segcnrcichcn Mittel vordem Jahre 1843 der Kirche in Deutschland größtentheilS entweder sehr erschwertoder ganz unmöglich. Diese Mittel gebrauchen zu können, die Möglichkeit also,recht viel Gutes zu stiften, Niemanden zu belästigen, sondern Jeden durch freieEntschließung zum christlichen Leben zu führen, gehört unter die Forderungennach der Freiheit der Kirche. Allein freilich bleiben diese Forderungen hierbeinicht stehen, sie verlangen noch mehr, was man der Kirche, d. h. den Bischöfen,welche sie leiten, gewähren müsse. Denn alle jene Einrichtungen auf die Besserungunserer Verhältnisse fallen wieder zusammen oder wirken wenigstens nicht viel, wenndie Bischöfe nicht Alles anwenden können, waö der Stifter der Kirche in ihreHände gelegt hat, um die Menschen zu Gott hinzuführen. WaS helfen Missionen,Andachten und Vereine, wenn z. B. die Geistlichkeit nicht im Sinne derKirche erzogen wird, wenn die Bischöfe nicht die Stellen besetzen, sondernPersonen, die im besten Falle weder das warme, persönliche Interesse, noch dieseKenntniß, keinesfalls aber diese Verantwortung haben! Was helfen alle jene Mittel,wenn sie morgen wieder eingestellt, wenn alle Anordnungen der Bischöfe, um daserwachte, religiöse Leben, damit es nicht erlösche, zu beleben, von anderweitiger