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Bestätigung abhängig sind? DaS ist klar, daß die Zukunft der Gesellschaft, welchereligiös und geistig schon verkommen genug ist, davon abhängt, daß man Allesaufbietet, um dieselbe wieder auf daS Höhere und Ewige hinzulenken. Deßhalb istein Stillstand, oder ein Rückschritt in dem Ringen, sich in den Besitz alles Dessen zusetzen, was hierzu nothwendig ist, nicht denkbar, gar nicht möglich. DaS kirchlicheLeben ist zu mächtig erwacht, als daß eS wieder zurückgetrieben werden könnte, undwenn auch Schwankungen eintreten sollten, so dienen sie zu nichts Anderem, als dieKräfte neu zu sammeln und desto entschiedener zu entfalten.
DaS ist das Begehren nach der Freiheit der Kirche. Wenn mannun freilich viele Zeitungen und Flugschriften lieSt, so glaubt man: morgen sey eSaus mit dem Staate, wenn heute die Kirche frei würde, eS bliebe ihm gar Nichtsmehr übrig, er sey rein überflüssig. ES ist dabei gar hübsch, daß dergleichen Blätterund Herren in dieser Angelegenheit ein so zärtliches Interesse am Staate undseinen Rechten, Schutzherrlichkeiten und Majestätsbefugnissen nehmen, da man dochweiß, wie sie sonst auf diejenigen Rechte und Gewalten, welche dem Staate in ihrerganzen Ausdehnung zukommen und die er nur recht kräftig handhaben soll, so bösezu reden sind und ihm dieselben zu Gunsten der „Freiheit" entwinden möchten. FürStaatsmänner, die nicht verblendet sind, läge allein dain schon Grund genug,um zu sehen, waS zu thun sey. Ist denn aber wirklich solche Noth, bricht denn derStaat zusammen, wenn die Kirche frei wird? Sehet doch nur nach Belgien ,England, Nordamerika — dort stellen die Regierungen nicht die Geistlichen an,erziehen sie auch nicht, eS gibt dort auch kein Placet, man kümmerr sich auch nichtdarum, wie man die Kirchen baut und Altäre errichtet und Meßgewänver anschafft,und dennoch hat der Staat dort seine volle Gewalt. Doch, wir wollen in der Nähebleiben, sehet nach, wie es in Frankreich, in Oesterreich, in Preußen steht!Das Alles ist demnach nur leerer Schein, man möchte gern Viel regieren, oder daskatholische, daö christliche Leben, daS man nicht gern mag, möglichst einschränken.Beides aber ist vom Uebel. Wo ist auch nur Ein Eingriff, welcher von derKirche, wenn ihr die gebührende Freiheit wird, in die Rechte desStaates gemacht wird? Will sie Mitwirkung bei den Anstellungen in Civiloder Militär, bei der Gesetzgebung, bei der Verwaltung deS StaatSvermögenS, willsie Verordnungen geben in bürgerlichen Dingen, Steuern auflegen, oder die Polizeiin die Hand nehmen? AlleS daS soll und wird dem Staate bleiben und Niemandgönnt eS ihm mehr als die Kirche. Ja, aber die Kirche will frei, an Nichts mehrgebunden seyn! — Meinet ihr, sie verlange, daß ihre Diener oder die Gläubigenauch nur in Einem Puncte anders behandelt werden wollen, als auch die übrigenUnterthanen, oder daß sie sich über alle Anordnungen hinaussetzen wolle? O nein,sie verlangt, daß wer stiehlt, verleumdet, aufreizt, staatSgefährliche Verbindungenerrichtet, wer kauft und verkauft, Testament oder Schenkung macht, geradeso behan-delt werde, wie eS daS Gesetz für alle Unterthanen des Staates bestimmt hat. DieKirche verlangt nur, daß sie in den Stücken, welche das Weltliche nichtsangehen, daS thun darf, wozu sie auf der Welt ist. DaS ist doch gewiß nichtzu viel verlangt. Sie will singen und beten nach ihrem Gutdünken, Geistlicheerziehen und anstellen, welche dieses thun nach ihrem Dafürhalten, sie will daS,waS die Gläubigen geschenkt haben, zum Gottesdienste und zur Erbauung verwendennach ihrem Ermessen. Dabei will sie Niemanden zwingen, eS nimmt vielmehr Jedernur nach seiner eigenen, freien Ueberzeugung Theil an Allem, was die Kircheunternimmt. Es ist dieß AlleS so sonnenklar, daß man gar nicht begreift, wie mansich dagegen nur immer so sehr sträuben mag!
Allein, wendet man ein, der Staat muß sich vor dem Mißbrauche der Gewaltder Kirche wahren, was kann sie für Unheil gegen ihn anrichten! Mißtrauen isteine schlimme Sache, besonders aber, wenn eS ungegründet ist. Alles, was in derKirche gelehrt und gethan wird, ist so öffentlich wie etwas in der Welt; ihrer Wirk-samkeit verdanken alle Staaten ihr eigenes Daseyn, eine zweitausendjährige Erfahrung