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Hier beginnt ein gesegneteres Land, eine gesichertere Fahrt. An beiden Ufernwechseln Dattelwälder mit grünen Gefilden. Am letzten Tage des scheidenden JahreSerreichten die Reisenden die Insel Seid, die Wohnstätte des vornehmsten ScheikhS dermohamedanischen Bcrberiner. Der ReieS von Dongola und die Matrosen stattetendemselben ihren Besuch ab; zu solchem fand er mit Geschenken auf dem Schiffesich ein.
Der Beginn des eben eingetretenen JahreS war in so fern nicht so glücklich,wie das Ende des abgelaufenen, als Windstille eintrat und bei dem Ziehen das Schiffnur langsam vorwärts kommen konnte. Erst am 3. Januar stellte wieder einigerWind sich ein, der zwischen den zahlreich bewohnten Nilinseln hindurch eine ange-nehme Fahrt gewährte. Ueberall standen an den Ufern Schaaren von Menschen, diemit Freudengejauchze das ungewöhnliche Schiff begrüßten, was mit Aufziehen derFlaggen und einer Kanoncnsalve erwidert wurde. Auf diese zwar verliefen sich imersten Augenblick die Massen, kehrten aber bald jubelnd wieder zurück. Eben so mitZuschauern gefüllt war der Landungsplatz bei Kouke am Abend des 3. Januars, vorwelchem, noch eine Stunde entfernt, der Katarakt von Kazhbar wartete. Er zeichnetsich vor den andern durch seine Seichtigkeit aus, und verursachte Mühsal bloß durchöfteres Auffahren und wieder Flottmachen deS Schiffes, waS eine Zeit von sechsvollen Stunden erforderte. Merkwürdig! hier hat das Wasser eine Tiefe von bloß2—4 Fuß, indeß oberhalb eine Stange von eben so vielen Klaftern den Grund nichterreichen würde. Für die Strömungen von Taba wäre auf den folgenden Tag Windbesonders erwünscht gewesen; aber er blieb aus, was zu dem langsameren Ziehen, zufrüherem Landen nöthigte. Der heilige DreikönigStag wurde auf Mossul gefeiert,wo bis zu Mittag das Quecksilber von 12 auf 45 stieg. Der dortige Scheikh luddie Fremdlinge zum Mahl und speiste die gesammte Mannschaft durch zwei Tage.Am 7. Januar half wieder der Wind den Ziehenden bis zum Eingang in den letztenKatarakt vor Dong-ola, der für den 8. aufgespart blieb. In der Nacht aufsteigenderWind ließ eine rasche Fahrt hoffen. Sie war eS Anfangs, aber nach einer halbenStunde blieb das Schiff im Schlamme stecken, auö dem es nur mir großer Mühekonnte herausgearbeitet werden. Bald darauf stieß es auS Unvorsichtigkeit deS Schiss-reieS mit solcher Gewalt auf einen Felsen, daß alles Geräthe zusammenkugelte. ZumGlück traf der Stoß nur das Vordertheil. Dennoch sank bei den Matrosen daSVertrauen zu dem Winde; die Ziehcr mußten zusammengerufen werden, um daö Schiffwieder flott zu machen. Die letzte große Strömung gab noch viel zu schaffen; dochnach einer Stunde war auch diese überstanden und im Flug durchschnitt die 8te!Iamstutins den bewegten Strom oberhalb TumboS. Von beiden Ufern lief abermalsAlles herbei und schrie verwundert: „Ein eisernes Schiff schwimmt über daS Wasser!"Und noch mehr verwundert waren die Landesbewohner, überhaupt bei diesem Was-serstand ein Schiff die Katarakten hinaufkommen zu sehen. Um sechs Uhr AbendSlandeten die Missionäre in der herrlichen Gegend von Hasir. DaS allmälige RastendeS WindeS hätte es unmöglich gemacht, am folgenden Abend in Dongola einzutref-fen, würde nicht Herrn KociancicS Festigkeit den ReieS gezwungen haben, auch durchdie Dämmerung die Fahrt fortzusetzen, so daß die Stadt eine Stunde nach Sonnen-untergang mit den üblichen Salven konnte begrüßt werden.
Ungesäumt verfügte sich Herr Kociancic zu dem Mudir, Horschub Bey, umihm seinen Dank für die Uebersendung deS ReieS abzustatten, sodann ihn um Hand-reichung für die fernere Fahrt zu bitten. Der Missionär war überrascht, in dieserfernen Gegend einen so gebildeten Mann zu treffen; dieser dagegen bezeugte seineFreude, daß jener mit seiner Fahrt daS Unglaubliche geleistet habe. AIS der Mudirsodann das Schiff besuchte, setzte ihn Alles in Verwunderung, Alles ließ er mit demlebhaftesten Interesse sich weisen, stellte auch manche Frage über die Vorgänge inEuropa und in Egypten. Im Divan hernach, welchem Herr Kociancic beiwohnte,wurde die Weiterfahrt über Abusamed beschlossen, der Lohn für die Zieher festgesetzt.
Ueber diese Fortsetzung der Reise steht der Bericht noch zu erwarten.