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1336 im Athenäum zu Madrid gegen das göttliche Recht der Könige ausgesprochenhabe, Worte, die Sie beredt nennen, während sie höchstens wohlklingend waren.
Ich glaube, Sie daran erinnern zu müssen, daß ich bereits seit langer Zeitdergleichen Lobsprüche nicht mehr verdiene, und daß ich in Bezug hierauf von Ihnennur Vergessenheit oder Tadel fordern kann. Zwischen Ihren Ansichten, welche ichselbst theilte, als ich noch ein junger Mensch war, und denen, zu welchen ich Michjetzt bekenne, besteht ein vollständiger Widerspruch und eine unüberwindliche Verschie-denheit. Sie glauben, daß der Rationalismus das Mittel sey, zur Vernunft, dertheoretische Liberalismus, zur praktischen Freiheit, der Parlamentarismus, zu einerguten Regierung zu gelangen; baß die freie Forschung in Wahrheit das Mittel zumZweck, daß endlich die Könige nichts Anderes als die Verkörperung des mensch,lichen Rechtes.
Ich glaube im Gegentheil rücksichtlich des Rechtes, daß daS menschliche Rechtnicht eristirt, und daß es kein anderes Recht gibt als das göttliche Recht. In Gott ist das Recht und die Concentration aller Rechte; im Menschen ist die Pflicht unvdie Concentration aller Pflichten. Der Mensch nennt sein Recht den Vortheil, derfin ihn aus der Erfüllung der Pflicht des Andern, die ihm zu gut kommt, hervor-geht: das Wort Recht ist auf seinen Lippen ein fehlerhafter Ausdruck. Wenn ernoch weiter geht, und seinen fehlerhaften Ausdruck in Theorie verwandelt, so entfes,seit diese Theorie die Stürme auf der Welt.
Die freie Erörterung, wie Sie dieselbe verstehen, ist nach meiner Ansicht dieQuelle aller möglichen Irrthümer unv der Ursprung aller denkbaren Ertravaganzen.
WaS den Parlamentarismus, den Liberalismus und den Rationalismus betrifft,so glanbe ich, daß der erstere die Negation der Regierung, der zweite die Negativ»der Freiheit, der dritte die Affirmation der Narrheil ist.
Was bist du denn aber, wird man mir sagen, wenn du weder für die freieErörterung, wie sie in der modernen Welt verstanden wird, noch liberal, nochrationalistisch, noch parlamentarisch bist? Bist du Absolutist? Ich würde Absolutistseyn, wenn der Absolutismus der radicale Widerspruch aller jener Dinge wäre;aber die Geschichte lehrt mich, daß es rationalistischen AbsolulismuS gibr, daß eöbis auf einen gewissen Punct liberalen und diSculirenden Absolutismus gibt, unddaß eS umgekehrt absolute Parlamente gibt. Der Absolutismus ist also höchstens derWiderspruch in der Form, nicht der Widerspruch im Wesen, von jenen Lehren, welcheberühmt geworden sind durch die Größe ihrer Verwüstungen. Der Absolutismus istnicht der Widerspruch dieser Lehren; es kann kein Widerspruch vorhanden seyn zwi-schen Dingen von verschiedener Narur. Es ist eine Form, und nichis al>? eine Form;unv ist es nicht die größte Absurdiiät, in einer Form den radicalen Widerspruch einerLehre zu suchen, oder in einer Lehre den radicalen Widerspruch einer Form?
Der Kaiholiciömus allein ist der Widerspruch der Lehren, welche ich bekämpfe.Gebt der katholischen Lehre eine Form, welche ihr wollt; trotz dieser Form wudAlles im Augenblick umgewandelt seyn unv ihr wervet daS Angesicht der Eide erneuert sehen.
Mit dem Katholicismus gibt es kein Phänomen, das nicht in die hierarchischeOrdnung der Phänomene paßte, keine Sache, die nicht der hierarchischen Ordnungder Dinge sich fügte. Die Vernunft hört auf, Rationalismus zu styn, d. h. sie hörtauf, jener Leuchllhunn zu seyn, von dem man sagt, daß er uuerschaffen sey, umihm das Privilegium zu geben, zu erleuchten, ohne von irgend Jemand angezündetzu seyn; sie wird wahre Vernunft, d. h. ein wunderbares Licht, das sich in sichconcenlrirt, und außer sich daS glänzende Licht des Dogma verbreitet, den reinstenReflex Gottes, des ewigen, uuerschaffenen LichteS.
WaS die Freiheit betrifft, so ist die katholische Freiheit weder ein Recht in ihremWesen, noch eine Unterhandlung in ihrer Form; sie erhält sich nicht dnrch den Krieg;sie entsteht nicht aus einem Conlracte, sie wirv nicht erworben durch Eroberung.Sie ist nicht eine weinberauschte Bacchantin, wie die demagogische Freiheit: sie