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schreitet nicht einher unter den Völkern mit den Reizen einer Königin, wie die parla-mentarische Freiheit; sie hat nicht zu ihren Dienern Tribunen, die ihr den Hofmachen; sie schläft nicht ein unter dem Gemurmel der Menge; sie hat keine perma-nente Armeen, die aus Nationalgarden bestehen; sie liebt es nicht, sich auf demTriumphwagen der Revolutionen bequem niederzulassen.
Die Gebole Gottes sind das Brod deS Lebens. Unter der Herrschast desKatholicismus «heilt eS Gott den. Regierten und den Regierenden aus, invem Er sichdas unveräußerliche Recht vorbehält, sich von den Regierenden eben so wie von denRegierten gehorchen zu lassen. Unter dem Schutze und in der Gegenwart GotteS vereinigen sich Herrscher und Unterthan in einer Ehe, deren Heiligkeit sie mehr derNatur eines Sacramentes, als der eines Contra cteS nähert. Die beidenTheile finden sich implicite gebunden durch die göttlichen Gebote. Der Unterthanübernimmt die Pflicht, zu gehorchen, mit Liebe zu dem Herrscher, den Gott einsetzt;und der eingesetzte Herrscher geht die Pflicht ein, mit Liebe und Milde die Unter-thanen zu regieren, welche Gott seinen Händen anvertraut. Wenn die Unterthanengegen diesen Gehorsam und diese Liebe fehlen, so läßt Gott die Tyrannei zu; wennder Herrscher gegen jene Liebe und Milde verstößt, so läßt Gott die Revolutionen zu.Durch die erstere werden die Unterthanen zum Gehorsam zurückgeführt; durch dieletzteren werden die Fürsten zur Milde zurückgeführt. Eben so also, wie der Menschdas Böse auS dem guten Werke GotteS zieht, so zieht Gott das Gute aus demschlechten Werke des Menschen. Die Geschichte ist nichts Anderes als die Erzäh-lung der verschiedenen Ereignisse dieses riesenhaften Kampfes zwischen dem Guten unddem Bösen, zwischen dem göttlichen Willen und dem menschlichen Willen, zwischendem allbarmherzigen Gott und dem widerspenstigen Menschen.
Wenn die Gebote Gottes genau beobachtet werden, d. h. wenn die Fürstenmild und die Völker gehorsam sind, und wenn beides von der Liebe unterstützt wirb,dann entsteht aus der gleichzeitigen Unterwerfung unter die göttlichen Vorschrifteneine gewisse sociale Ordnung, eine gewisse Lebensweise, ein gewisses individuelles undallgemeines Wohlseyn, welches ich Zustand der Freiheit nenne, und welchesdieß wirklich ist, weil die Gerechtigkeit da herrscht, und die Gerechtigkeit macht unSfrei. Hierin besteht die Freiheit der Kinder GotteS, die katholische Freiheit. DieseFreiheil ist keine bestimmte, besondere und concrete Sache; sie ist weder ein OrgandeS politischen Organismus, noch eine der verschiedenen socialen Institutionen. Dießist sie nicht; sie ist mehr: sie ist das allgemeine Resultat des guten Zustandes allerOrgane; sie ist daS allgemeine Resultat der Harmonie und Uebereinstimmung allerInstitutionen; sie ist daS, was die Gesundheit des Organismus im Allgemeinen ist,welche mehr gilt als ein gesundes Organ; sie ist daS, was daS Leben deg socialenund politischen Körpers ist, welches kostbarer ist als daS Leben einer blühenden In-stitution. Die katholische Freiheit ist daS, waS diese beiden Sachen sind, die vor-trefflichsten unter den vortrefflichen, die, weil sie überall find, aus diesem besondernGrunde, in keinem einzelnen Theile ihren Ort haben. Diese Freiheit ist so heilig,daß jede Ungerechtigkeit sie verletzt; so stark und so gebrechlich zu gleicher Zeit, daßAlles sie belebt, und die kleinste ungeregelte Bewegung sie erschüttert; so voll Liebe,daß sie alle Menschen zur Liebe einladet; so mild, daß sie alle Menschen zum Frie-den ruft; so eingezogen und bescheiden, daß sie, vom Himmel gekommen, um daSGlück Vieler zu begründen, von Wenigen nur gekannt und von Niemand beklatschtwird; ste selbst weiß nicht, wie sie sich nennt, oder wenn sie eS weiß, so sagt sie eSnicht, und die Welt kennt ihren Namen nicht.
Was die freie Erörterung betrifft, so ist nicht mehr Aehnlichkcit zwischen derkatholischen Erörterung und der philosophischen Erörterung vorhanden, als zwischender katholischen Freiheit und dem, waS man politische Freiheit nennt. Der Katholi-cismus geht folgendermaßen zu Werke: Er n, mt einen Strahl deS Lichtes, daS ihmvon Oben zukommt; er gibt ihn dem Menschen, um mit seiner Vernunft ihn zubefruchten, und der schwache Strahl deS Lichtes verwandelt sich durch daS Mittel der