Ausgabe 
12 (25.7.1852) 30
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gewöhnlich ein eigener Flügel des Gebäudes gewidmet, indeß der andere für daSPensionat eingerichtet ist, der mittlere Theil aber vaS Kloster bildet, welches fürFremde unzugänglich bleibt. DaS vierte, vielleicht unscheinbarste, dennoch nichtweniger wirksame Mittel besteht darin, die schuldigen Familien- oder durch den Berufgebotenen Rücksichten nicht aufzuheben. Hierin erkennen die Frauen ein Mittel,unendlich viel Gutes durch Wort und Beispiel zu wirken.

In sämmtlichen Häusern werden nebst der französischen die deutsche, englischeund italienische Sprache gelehrt, und zwar immer von Frauen aus den betreffendenLändern. Ueberall wird die Nachmittagsschule in der Landessprache gehalten, indeßfür den Vormittag beständig die französische Sprache angenommen ist. Zur Erhaltungder Gesundheit und Angewöhnung gefälliger Leibesbewegung wird die Kallysthenieund täglich Gymnastik, im Sommer selbst im Freien, angewendet. Zu diesen Uebun-gen, so wie für das Zeichnen und die Musik, werden immer die ersten Meister derStadt ersehen, die aber unter Leitung und ununterbrochener Aufsicht der Damenihren Unterricht ertheilen.

Die Frauen selbst verlassen ihre Klausen niemals, außer auf Reisen von einerAnstalt zur andern, wenn sie ihnen in Kraft des heiligen Gehorsams auferlegt wer-den. Auch sehen sie nie Jemand außer in dem allgemeinen Sprechzimmer. Den Geistder Zeit und seine Meinung berücksichtigend, auch anerkennend, daß, wer den Zweckwolle, die Mittel nicht verschmähen dürfe, haben sie weder Gitter noch etwaS Eisernesin ihren Häusern, welche, inmitten weiter Gärten gelegen, das Aussehen reizenderLandwohnungen haben. Eben so wenig Auffallendes hat ihre Kleidung; man könntesie derjenigen ehrbarer Wittwen im verwichenen Jahrhundert vergleichen ein schwar-zes einfaches Wollenkleid mit einem dünnen Schleier ans Wollengewebe, der jedochniemals über daS Antlitz herabfällt. Die Armenschule befindet sich stets in einemvon dem Pensionate getrennten Gebäude, eben so die Waisenhäuser, welche in eini-gen Städten auf besonderes Verlangen der hochwürdigsten Herren Bischöfe von denFrauen übernommen wurden. Diese Trennung ist schon durch den ausgedehnten Raumbedingt, den solche Anstalten erheischen. Die Pensionate zählen gewöhnlich über 100Mädchen, die Zahl der Erlernen beläuft sich in mancher Stadt auf 300 bis 400.Bei solchen Zahlen ist eS unerläßlich, daß auch die Spielplätze getrennt seyen.

Eine andere Seite dieser Anstalt, die vorzüglich den Bürger- und GewerbSstandberührt, dürfte gleichfalls in Betracht kommen die pecuniäre. Manche Lehrerfinden durch sie ein gesichertes Auskommen; die verschiedenen Bedürfnisse bringen Lebenin Verkehr und Erwerb. ES ist buchstäblich wahr, daß seit Errichtung eines solchenHauseS mehr als Eine Gemeinde in ihren VermögenSumständen sichtbar emporgekom-men ist, auch die umliegenden Ortschaften ihren Vortheil dabei gefunden haben.

Vermöge der Aufgabe, welche die vsmes clu 8scr6 t!oeur sich gestellt haben,ist eS begreiflich, daß sie ihren Zuwachs vornämlich auS den höhern Ständen erhal-ten, obwohl eine solche Herkunft durchaus nicht Bedingung, nicht einmal Empfehlungzur Aufnahme ist. Ein frommes reines Gemüth, ein gesundes Urtheil, ein hell aus-gebildeter Verstand, eine sorgfältige Erziehung, vor Allem jene Schmiegsamkeit deSCharakters, die ihr Glück in dem heiligen Gehorsam findet, daher mit Freudigkeitjeden Augenblick HauS und Heimat und Stelle zu verlassen bereit ist, das sind diewesentlichsten Eigenschaften, auf welche bei Anmeldenden Rücksicht genommen wird.Bei aller Bildung, bei aller feinen Erziehung verrichten diese Damen alle häuslichenGeschäfte selbst; und nichts dürfte auf die ihrer Obhut anvertrauten Zöglinge soerfolgreich einwirken, als dieses Vorbild beständiger und freudiger Selbstaufopferungund reinen DahingebenS in Alles, waS die Liebe GotteS im Dienste des Nächstenverlangt; so wie in dieser weisen und glücklichen Mischung der geistigen und derHändearbeit daS Geheimniß jenes HochsinnS liegen dürfte, welche das bezeichnendeMerkmal dieser Damen ist, ihre Häuser zu Wohnstätten des wahren Glückes weiht,und Niemand dieselben betreten läßt, ohne daß er in wohlthuender Stimmung siewieder verließe.