Ausgabe 
12 (5.9.1852) 36
Seite
281
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Zwölfter Jahrgang.

Sonntags-Beiblatt

zur

Augsburger PoMtung.

5. September SV. 185S.

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Dieses Blatt erscheint regelmäßig alle Tonntage. Der halbjährige Abouuementsvrel«Tl> kr., wofür es durch alle köuigl. bayer. Postämter und alle Buchhandluugeu bezöge» werdeu kauu.

Unsrer lieben Frauen Mantel.

Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Negina.

Erste Lection:

Sey gegrüßt, o Königin, Mutter der Barmherzigkeit!"

Mein Sohn, mein Sohn, sprach betrübten Sinneö der eisgraue BuchbinderFalzmann, wie befremden mich deine Reden! Es ist wahr, du hast in Golha, Braun-schweig, Paris und Lyon viel Neues in unserer ehrbaren Kunst profitirt, aber lieberwär'S mir beinahe, ich hätte dich zu einem alten, ehrlichen Meister in Mariazell , All-Oetling oder Einsiedeln geschickt, obwohl du wenig Lust bezeigt hast, an so lustbarlicheOrte dich zu begeben, wo die Buchbinder auch ihren schönen Antheil haben an derBeförderung des Seelenheils, und beim Falzen und Heften lauter herzliche Gebete undfromme Lieder vor Augen sehen, auch die hochlheurcn Namen Jesu und Mariä beijeder Deckelverzierung. Der Sohn erwiderte und sprach mit guter Manier: Vieles,Vater, ist übertrieben; vieles ist und bleibt übertrieben.

Ja freilich, mein Sohn, fuhr der Alte fort, sehr vieles ist übertrieben; besondersin den Büchern, die du gelesen haben magst, anstatt sie lediglich nur einzubinden, oderlieber, statt sie weder zu lesen noch einzubinden. Glaube mir, eS ist immer eine Artvon Verantwortung bei solchen Büchern, denen der Autor einst zurufen wird: ach, hätteich euch nicht geschrieben! der Buchdrucker: ach, hätte ich euch nicht gedruckt! der Leser:ach, hätte ich euch nicht gelesen! Und wie wird dann zumal der Buchbinder rufen?Denn blieben alle bösen Bücher ungebunden, so würden sie wenig Schaden stiften;nun aber kommen Eleganz und Lurus noch hinzu und geben dem Buche ein schmuckes,reizendes Kleid, damit nur ja gewiß jeder das übertünchte Grab öffne und vom TodeS-qualm sich betäuben lasse.

Ist daS nicht übertrieben, mein Vater? Nein, mein Sohn, im Mindesten nicht.Von dir vielmehr ist'S übertrieben, daß du darüber dich ereiferst, wenn ich diese Ma-rianischen Gebet- und WallfahrtSbücher fein und nett eingebunden haben will. Ich habeeS immer so gehalten und du wirst mich keines Bessern belehren. Nützliche Bücherbindeich fest, Romane binde ich gar nicht, auf Schulbüchlein verwende ich Holz, aufchristkatholische Erbauungsbücher aber geziemt sich Gold, und auf Marianische Bücher daSU mit der goldenen Krone darüber, auf daß der christkalholische Mensch, wie er daS Büch-lein zur Hand nimmt, sogleich gedenken möge:Salve Negina, sey gegrüßet, o Königin."

Aber, bester Vater, wie ist'S dann möglich, daß Sie bei der splendiden Arbeitfür so schlechte Preise bestehen können? Mein Sohn, wollest dich deßhalb nicht inSorgen setzen! Denn diese große Königin, der ich zu dienen mich bestrebe, ist mächtigund reich genug, um meine Armuth zu segnen, wenn du anders eS verstehst, wiesolch eine gesegnete Armuth unendlich besser sey, als Reichthum ohne Segen. Sie ist

") Mit einigen Aenderungen denOelzweigen" von 5320 entnommen.