Ausgabe 
12 (5.9.1852) 36
Seite
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JacqueS, bin ich denn ein Kind, um nachzubeten oder nachzulallen? Selig sind die Kleinen,Hr. JacqueS, selig sind die Kindlein in der Kindschaft GotteS. Nun wohlan, nur frisch:Gelobt und gebenedeit--Ich weiß nicht was Sie wollen! sprach der junge Mann ent-rüstet; soll ich mich etwa wie ein Schulknabe behandeln lassen? Sind daS nicht alter Wei-ber Possen, die Sie mit mir treiben? O mein Hr. Jacques, entgegnete der Lebkuchcn-bäcker und hob bedenklich den rechten Zeigefinger in die Höhe) o wie traurig ist mir dieUeberzeugung, daß ich keinen ungegründeten Verdacht im Herzen hege; weiß ich denn nicht,daß es Leute gibt, welche die süßen Worteallerseligste Jungfrau Maria" ohne eine Artvon innerlichem Verdruß, ohne eine Art von hämischer, aberwitziger Vornehmthuerei nichtaussprechen können? Begreifen kann ich'S nicht, wie daS zugeht, aber wahr ist's leider!ES bleibt dabei, Hr. JacqueS, Sie unterstehen sich beileibe nimmer, meine Pepi anzuspre-chen ; Sie kommen mir ja nimmer inS HauS, bevor ich von Ihrem Vater nicht ein Bessereserfahre! Recht, Hr. Nachbar! sagte der alte Falzmann und schüttelte ihm die Hand,so ist'S Recht! Der junge Falzmann aber ging, um seinem Verdruss« Luft zu machen, andie Presse hin, schrob sie aus'S gewaltigste zusammen und murrte dabei: So weit gehenVorurtheile!

Erfahrungen eines katholischen Geistlichen in Wien .

Geschildert in harmlosen Briefen.

(Oesterr. Bolksfreund.)

1. Die Hochzeiten.

Theuerster Freund!

Wenn ich Dir in diesen Zeilen mittheile, waS ich seit meiner priesterlichenWirksamkeit in der großen Stadt Wien BeachtenSwertheS unter den Leuten gesehen,gehört und erlebt habe; so glaube ich nicht bloß Deinen Wunsch zu erfüllen, sondernich folge auch dem Dränge meines eigenen Herzens. Um Dir aber meine Erfah-rungen nach einer natürlichen Reihenfolge zu schildern, und Dir ein klares Bild vondem sittlichen Zustande der Bewohner Wiens zu liefern, will ich Dir zuvörderst dieGeschichte der meisten Wiener von ihrer Geburt erzählen; denn Du weißt, daßunsere Geschichte früher anfängt als unser Leben. Mit einem Worte: Ich werdeDir zuerst meine Beobachtungen über den Eintritt in den so wichtigen Ehestandmittheilen. Von den Tausenden, die nicht verehelicht, und dennoch Väter oder Müttersind, will ich gar keine Erwähnung machen. Leider kann ich Dir aber auch vondenen, die durch daS Band der christlichen Ehe mit einander vereinigt werden, nichtviel GuteS schreiben, ich muß vielmehr gestehen, daß ich bei dem Anblicke einesBrautpaares in Wien meistens von Mitleid bewegt, und von Besorgniß erfülltwerde. Die meisten unserer Brautleute nämlich wissen oder bedenken gar nicht diehohe Bedeutung dcS Schrittes, den sie unternehmen. Du würdest, lieber Freund,gewiß sehr bedenklich den Kopf schütteln, wenn Du einem Brauteramen beiwohnenmöchtest, denn Du würdest sehen, daß die Meisten entweder gar Nichts von derheiligen Religion gelernt, oder daö in der Jugend Gelernte bereits wieder ganz ver-gessen haben. Manche können nicht einmal die zehn Gebote GotteS Herabsagen,geschweige erst, daß sie den Inhalt oder Geist derselben verständen. Ferner ist dieAbsicht, aus der die Leute in den Ehestand treten, gewöhnlich nicht rein. AufTugend und Frömmigkeit wird bei der Wahl eines Lebensgefährten nicht gesehen,sondern nur auf die anmuthige Gestalt, auf die blendende Larve, oder WaS nochunwürdiger ist, aufS Geld und auf daS Emporkommen in der Welt. Die Persön-lichkeit wird häufig nur als Nebensache, und daS einträgliche Geschäft, daS großeZinshaus oder die mächtige Empfehlung als Hauptsache betrachtet. Wenn aber schondie Absicht, aus der man in den Ehestand tritt, nicht gebilligt werden kann, so läßteS sich leicht denken, daß beim Eintritte selbst auch nicht Alles beobachtet wird, waSdie heilige Religion den Brautleuten empfiehlt. Jene EhcstandSkandidaten z. B., dievor ihrer Trauung so wie Tobias und Sara im alten Bunde längere Zeit hindurch

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