885
Gott inständig um Schutz und Segen anflehen, dürften in Wien sehr selten seynZum Gebete nimmt man sich bei solch' einem Vorhaben keine Zeit, sondern nur zumNähen, Sticken und Stricken, damit man nur recht kostbar oder zierlich aufgeputztzum Altare binschreiten und schon auf der Straße einer zahlreichen gaffendenSchaar eine Augenweide verschaffen kann. Zwar verrichten die meisten Brautleutevor der Trauung die heilige Beicht und Communion; allein ob der Empfang dieserheiligen Sacramente würdig sey, daS wird dem Allwissenden bekannt seyn. MancherBräutigam aber und selbst manche Braut erspart sich die heilige Beicht und Commu-nion ganz; denn der Veichtzettel, den man vor der Trauung beibringen muß, ist inWien auf mancherlei Art und Weise zu haben. Eben so pflegt man in der Residenznicht so, wie auf dem Lande, am Tage der Trauung einem feierlichen Hochamte, janicht einmal einer stillen heiligen Messe beizuwohnen; eS herrscht vielmehr der sonder-bare Gebrauch, die Trauungen Nachmittags vorzunehmen. Blos die armen Leute,die ganz unbemerkt getraut werden wollen, erscheinen Morgens vor dem Altare; dieVermöglichen hingegen, die mit Pomp daherfahren, wählen sich eine Abendstunde.Leider vermißt man bei den Brautleuten aus den niedern Volksklassen nur zu häufigden Kranz der jungfräulichen Reinigkeit auf dem Haupte; die Höhern und Reichernhingegen sind meistens mit einem zierlichen Kranze versehen, weil ihnen die Welteben nichts UebleS nachweisen kann. Ist endlich die Trauung vorüber, so verfügtman sich gewöhnlich in irgend ein renowirteS GasthauS, wo in einem dazu eigenSvorbehaltenen Locale ein theures HochzeitSmahl eingenommen wird. Natürlich läßtNiemand bei solch' einer Gelegenheit auch nur die geringste Traurigkeit merken; oderwenn dieses bei Jemanden der Fall ist, so ist eS etwa bei der Braut oder beimBräutigam, da diesen vor der Zukunft denn doch ein wenig bange ist. Die Gästehingegen sind reckt lustig, und voll Witz, auch sprecken sie den Speisen und Geträn-ken tüchtig zu. Du kannst eS Dir jedoch leicht denken, daß Jesus und Maria, wennsie jetzt noch auf Erden wandelten, selten einer Hochzeir in Wien beiwohnen möchten;denn die heutigen Hochzeitsfreuden sind nicht von der Art, daß der heiligste Gott«mensch und seine jungfräuliche Mutter, so wie einst zu Cana in Galiläa daran Theilnehmen könnten. Eben deßhalb aber folgt auf die HochzeitSsreude oft sehr bald einarger EhestandSjammer, die Noth nämlich bricht herein, weil man, von der Haus-haltung wenig versteht, und sich nickt einschränken will. Zu der Noth gesellt sich diewechselseitige Unzufriedenheit, und daraus entspringt mit der Zeit eine völlige Abnei-gung gegen einander. Du kannst es mir glauben, daß in Wien weit mehr unzufrie-dene und unglückliche Eheleute leben, als zufriedene, glückliche. UebrigenS weiß sichdaS Volk, wenn eS ihm nicht recht zusammen geht, gleich zu helfen. An die Unauf-lösbarkeit deS katholischen Ehebundes nämlich, und an das große Sacrament, welchesman empfangen hat, wird nicht gedacht; sondern so leichtsinnig, wie sich die Leutemit einander verbunden haben, so leichtsinnig laufen sie auch von einander fort, ohneerst dem Pfarrer oder einem weltlichen Vorgesetzten etwas davon zu sagen. Nachallem dem wirst Du mir eS wohl zugeben, daß von solchen Leuten gerade kein hoff«nungSvoller Nachwuchs zu erwarten ist. Ueber diesen Nachwuchs aber werde ich Dir,wenn es Dir recht ist, im folgenden Briefe meine Beobachtungen mittheilen. Lebewohl, und gedenke in Deinem Gebete bisweilen der Kaiserstadt. Um dieses bittetDich Dein aufrichtiger Freund.
Einige Bemerkungen über die Sonntagsfeier.
! NZil?"« !U Y'^n^iHsMAi
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Sonn- und Feiertage von der concretenund positiven Religion nicht abgelöst werden können. Die Nothwendigkeit, unter jesieben Tagen einen zu finden, der dem Umgange mit Gott, der Sammlung dergeistigen Kräfte, der vorzugsweisen Pflege deS Seelenheils gehört, ist so einleuchtend,daß nur Müßiggänger oder erpichte Mammonsknechte sie verkennen mögen.
Die frommen SonntagSgedanken sollen der geistige Vorrath seyn, der dem