Ausgabe 
12 (5.9.1852) 36
Seite
288
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

S88

Der Mensch muß eine geistige Bethätigung haben. Dafür bietet daS Lebenfolgende concrete Centralpuncte: Kirche, Theater, CaffehauS, Schenken, Leihbiblio-theken. Caffehauö und Schenke ziehen zwar zahllose unberufene Politiker, Malcon-tenten, RaisonneurS und Banquerolteurs, aber sehr wenige, vielmehr gar keine gutenBürger. Wollte man sofort unsern Selbstmördern Schritt für Schritt rückwärts biszum ersten Anstoß ihres Unterganges nachgehen, so käme man in den meisten Fällenentweder in daS Comptoir einer Romanbibliothek oder auf die Bretter, die die Weltbedeuten. Wer nicht das Volk der Schenken und Theater will, der muß daS Volkder Kirche wollen, welches den Sonntag heiligt, und auch allein für daS Familien-leben befähigt ist.

Es steht außer Zweifel, daß der Versall der Familie den der bürgerlichen Ord-nung zur Folge hat. Die Gutachten zweier so gründlichen Kenner des Alterthumswie Gaume und v. Lasaulr, überheben unS der Pflicht, darüber etwas Weiteres zusagen. Indessen bemerken wir, wie der Verfall der antiken Familie mit der Verach-tung der, wenn auch nur erträumten, Götter und mit dem öffentlich über ihre FesteauSgegofsenen Spotte zusammenhängt.

Gewiß ist es, daß die Sonnlagsfeier einen der wichtigsten Haltpuncte für diechristliche Familie bildet. Die Woche hinaus trennt der frühe Morgen die Angehö-rigen, die ihrer Arbeit nachgehen; ermüdet, schlaftrunken, wenig mehr empfänglich fürBelehrung unv Theilnahme führt der späte Abend sie wieder zusammen. Diesen schwervermeidlichen Uebelstand unterbricht heilsam der in der christlichen Familie christlich ge-feierte Sonntag. Da ist Vereinigung im Gebete, dann Erholung in schuldloser Freude,Ueberblick über die Werke der verwichenen, und über die Aufgabe der kommendenWoche. Da ist, oder sollte seyn, eine allgemeine Correction der Fehltritte, eine ge-weihte Versammlung um das Familienhaupt. Man gedenkt der Gefahren und dergöttlichen Hilfe; der Fehltritte Und der göttlichen Erbarmung, der Mühseligkeit undder Kraft von Oben, die das Ausharren und Ueberwinden verlieh. Man denkt derempfangenen Wohlthaten, und holt den Dank nach, den man vielleicht vergessen, oderlau und säumig dargebracht. Schon in den feierlichen Morgenstunden, vom klingendenGlockenrufe lieblich geladen, ist man um daS Heiligste und in dem Heiligsten versam-melt. DaS Opfer der Versöhnung, daS priesterliche Wort des Heiles, fällt in Herzen,welche die FesttagSstimmung zubereitet. Leider, dieses Bild will immer seltener sichals ein Spiegel der Wirklichkeit erkennen lassen. Mit der Furcht GolteS geht dieSonntagsfeier, hinwieder mit dieser jene mehr und mehr verloren. Jedes Familien-glied geht gesondertem Vergnügen nach. AuS der Häuslichkeit entweicht die Freude,unv auS der Freude die Häuslichkeit. Erheiterung, sollte man meinen, wohnt nurnoch auf den Tanzböven, in den Bicrschenken, in voller unbändiger Sinnenlust. Einetraurige Art, die Weihetage des Christenthums zu begehen! Wo aber Kauf undVerkauf, wo eS Taglohn und Erwerb ist, waS die heilige Festfreude verdrängt, daentgeht der Familie mit der Gnade und Furcht Gottes daS Band der Liebe, der kind-lichen Pietät. WaS hilftS, im Namen GotteS zu befehlen:Ehre Vater und Mutter,"wenn man den Namen Gottes selbst verachtet. Wenn dem Hausvater der Gelderwerblieber ist als die Religionspflichten; waS will er dem Sohne sagen, der seinen Kindes-Pflichten daS Vergnügen vorzieht? Keine Leidenschaft hat mehr Recht als die andere,kein Gebot gilt, wo Gottes Gebot nicht gilt. Nichts ist ehrwürdig, wo eS Gott nicht ist.

Die Strenge, womit die Juden und sogar ihre größten Gelb- unv Geschäfts-männer ihren Sabbath begehen, ohne durch eine Staatsgewalt gezwungen zu seyn,sollte manchen Christen beschämen. Vielleicht verarmen deßwegen so viele christlicheFamilien, mit ihrer Noth und Dürftigkeit immer mehr die Juden bereichernd.

Schließen wir mit der Erinnerung, daß daS vierte Gebot und alle folgendenin der Luft hangen, wenn sie nichr auf einen tiefen und unantastbaren Respect vorden drei ersten gebaut sind.

,üi N5gl(»k -Hwnnltz -jnu -i'.^>.!!,'.-ii-!t ,«t n-koMmi. .NZIzjij!,',» ,Nz6?'lA I^lllUtj

Verantwortlicher Redacteur : L. Schönchen-

Verlags-Juhaber: F. C, Kremer.