Ausgabe 
12 (19.9.1852) 38
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299
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sich hierauf ankleiden, rief den Priester, der die Messe zu lesen hatte, um ihm Auf-trag zu geben, in welche Krankenhäuser, Wohnungen von Armen, Gotteshäuser ernachher sich begeben sollte, um nachzusehen, wo eS etwa an Nothvürstigem gebreche,um Hilfe auS ihrem Auftrage zu leisten; ferner um ihm zu eröffnen, was er unterder heiligen Handlung Gott anzuempfehlen habe. Dieser ersten Messe, für die Leben-den folgte eine zweite für die Todten. Wie sie jeden Priester tadelte, der die unver-antwortliche Leichtfertigkeit einer hastig gelesenen Messe sich zu Schulden kommen ließ,so konnte ihrem Auge auch kein ungeziemendes Umherschweifen der Blicke bei derUmgebung entgehen. Einst meinte Jemand ihr eine Freude zu bereiten, indem er ihrlängst erwartete Briefe der Mutter in der Kirche übergeben wollte. Anna warf nureinen flüchtigen Blick darauf, und sagte mit leiser Stimme:Geh' mit deinen Brie-fen; hier ist weder der Ort, noch gegenwärtig die Zeit, sie zu lesen. Bewahre sie,bis ich die Kirche verlasse; jetzt liegt mir ob, deS Gottesdienstes zu warten, nichtBriefe zur Hand zu nehmen." Sie hatte Ribadeneira'S Leben des heiligen JgnatiuSin die deutsche Sprache übertragen und außerdem selbst geistliche Lieder verfaßt.Auch darin ahmte sie der Mutter nach, daß sie wöchentlich zwölf Arme speiste, nichtallein selbst die Speisen auftrug, oft auch dieselben kochte. Dann schürzte sie sich miteinem Linnentuche, waS auch der Beichtvater thun mußte, und nahm mit einemgroßen Küchenlöffel den Theil für einen Jeden aus dem Topf, duldete aber so wenig,daß Jemand ihr beistehe, als daß die Armen vor ihr sich erhöben. Hätte nicht derTod sie ereilt, so hätte keine Gewalt sie zurückhalten können, ihrem Gemahl aufseinem Kriegszuge nach Schweden zu folgen.Weder Gefangenschaft noch Todsagte sie könnten mich unvorbereitet finden. Ich bin gewappnet gegen alle Pfeiledes Mißgeschicks. Ich werde mich bei jeder Widerwärtigkeit unter den Willen Gottesbeugen und mit Job sagen: nackt bin ich von meiner Mutter Leibe gekommen, nacktwerde ich zurückkehren, der Herr hat eS gegeben, der Herr hat eS genommen, es istnach deS Herrn Willen geschehen, des Herrn Name sey gepriesen."

AehnlicheS ließe sich von allen Schwestern berichten. Es würde mich aber zuweit führen; nur zwei Aeußerungen der Erzherzogin Margaretha, Königin von Spa-nien , darf ich nicht unerwähnt lassen. Nicht auf den Rang einer Königin, auf denVorzug, eine fromme Königin zu seyn, wollte sie alles Gewicht legen. Jenessagte sie hat mir Gott ohne mein Verdienst gegeben, um dieses aber habe ichmich unter seiner Gnade zu bemühen." Eine andere Aeußerung derselben lautet:ich kann nicht begreifen, wie Jemand einen Beichtvater haben mag, der ihm nichtrundweg die lautere Wahrheit sagt."

(Schluß folgt.)

Unsrer lieben Frauen Mantel.

Eine Erzählung in sieben Lectionen über das Salve Ncgina.Dritte Lection:

Zu dir rufen wir verwiesene Kinder Eva's,"

Der alte Falzmann saß friedlich arbeitend in seiner Werkstube und sah erwar-tungsvoll dem Sohne entgegen, den er, auf ihr Geheiß, zur Fürstin geschickt hatte,als dieser mit ganz entrüsteter Geberde hereinstürmte, und einen ansehnlichen Packvon rohen und broschirten Buchern trotzig in eine Ecke warf. Ho, ho, mein Sohn,sprach er verwundert, jedoch ruhig, was ist da vorgegangen? Wo kommt das Wetterher? Herr JacaueS gab keine Antwort, er riß seinen wunderschönen ultraneu-modischen Frack vom Leibe, warf ihn ins Nebenzimmer, band die Schürze um undsetzte sich mit einer Heftigkeit an seinen Arbeitstisch, die mehr auf Zorneifer als aufArbeitslust deutete.

Mein Sohn, fuhr der Alte gleichmüthig fort, du hast dich der durchlauchtig-sten Fürstin heute in einem sehr eleganten Einband präsentirt, aber das Papier sammtdem Inhalt in dem Buche scheint theils unfein, theils sehr zerknittert zu seyn. Auchfind Rücken, Ecken und Titel nicht von bester Beschaffenheit, denn der Rücken ist zu