Ausgabe 
12 (19.9.1852) 38
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steif und unbiegsam , die Ecken zu hart und nicht hinlänglich abgeglättet, der Titelaber zeigt gar keine zierlichen Lettern, denn eS steht auf deiner Stirn und dem gan-zen Gestcht ein häßlicher, recht widerwärtiger Unmuth angeschrieben. Endlich, wennman das Buch aufschlagen will, so zeigt sich ein großer Fehler in der Falze, denneS wirft sich und liegt nicht plan da, sondern fällt gleich wieder zu; auf diese Weisegeschieht eS, daß dein Vater dich frägt, und du ihm keine Antwort gibst und vorihm das Herz verschließest, als hätte dein Vater kein Recht, darin zu lesen. O meinSohn, mein Sohn!

Vater, erwiderte dieser, Sie mögen die Fürstin rühmen, wie Si« wollen, ichhabe sie nun kennen gelernt. So, Mein Sohn, und? Lauter hochfahrendes,wegwerfendes Wesen, erschreckliche Vornehmheit. Mein Sohn, sie ist auch vornehmgenug, sie ist ja Fürstin! Hochfahrend mag sie in so fern seyn, als sie zuweilen inihrem hohen Staatöwagen daher fahren muß; wegwerfend ist sie nicht, wenigstenssicher nicht in dem Grade wie du, der du daS ganze Bücherpacket dort in den Winkelgeworfen hast, wiewohl du nur ein gemeiner Buchbinder bist, und weder Fürst nochHerr, am wenigsten über dich selbst. Vater, eS ist Ein Mensch wie der Andere.

Mein Sohn, bedenke, daß du hier etwas sehr AlberneS gesagt hast, denn an daSWahre, was darin liegt, dachtest du eben nicht. Hat dich etwa die Fürstin nichtso höflich behandelt, wie eS dir gebührt? Hat sie ihre Freude nicht genugsam zuerkennen gegeben, einen so vortrefflichen, jungen Mann kennen zu lernen, als derdu in deinem neuen Frack zu seyn dir einbildest? Hat sie etwa gar unterlassen,dir einen Sitz auf dem Sopha anzubieten? Ei du Sausewind, wo sausest du hin?

Vater, von Ihnen muß ich die Spöttelei hinnehmen, aber der Fürstin verächtlichherablassendesEr" undmein Lieber" undwie meint Er, mein Lieber?" kann ichnicht so hinnehmen, als wäre ich etwa einer ihrer Livreegeister und Stallknechte, undnicht ein freier Buchkünstler, ein Mensch von Welt und Bildung, und der sich fühlt.

Richtig, sagte der alte Falzmann, so singen ja die Zeisige, welche einen freienGesang zu führen meinen, und deS FlageoletS vergessen, daS ihnen die unnatürlicheSingweise aufgezwungen hat. So schrieben diejenigen auch, die durch ihr Flugschrift-und Journalwesen dem ehrsamen Buchbindergewerbe so großen Schaden verursachthaben, indem diese ungebundene Literatur der solid gebundenen den Vorrang abge-wann. Ach wir Buchbinder kennen die Zeit! DaS Binden und Gebundenseyn wirdimmer verhaßter, die Bände werden lockerer wie die Bande, und junge feuerfangendeStrohköpfe fühlen sich. Also du fühlst dich, mein Sohn, aber wie? Du fühlst dich,und deßwegen wirst du grob und widerspenstig. Ist daS wohl ein feines Gefühl,mein Sohn? Wir Alten, besonders aber unsere lieben Vorfahren, fühlten sich auch,und ihr in der Wahrheit, im gebenedeiten, katholischen Glauben befestigtes Herz sagteihnen vernehmlich, daß sie nichts als verwiesene Kinder Eva'S seyen. Und zwarKinder Eva'S, als Kinder der blinden Begierde und Hoffart, welche die Freiheit gött-licher Liebe vernichtet und dafür die Frechheit inS Herz gepflanzt hat; verwieseneKinder Eva'S, als Kinder deS ungehorsamen, gefallenen, in der Welt der Sinneund der Knechtschaft versunkenen Menschen, welche von Gott, vom Quell der Selig-keit getrennt sind und auf dieser Erde ein ParadieSgärtlein jeder nach seinem Behagensich anlegen möchten, wo doch nur Disteln und Dornen wachsen können.

Wie paßt aber dieß hierher, mein Vater? Sehr genan paßt eS hierher,mein Sohn. Wenn du dich als ein verwiesenes Evakind fühltest, so hättest du denFrieden durch die Demuth bewahrt und würdest einsehen, daß wir Menschen nurdurch Gehorsam bestehen können, so wie wir lediglich durch Ungehorsam gefallen find.Du würdest dann nicht gesagt haben: ich fühle mich, denn eben dein Ich, das dufühlest, würde sich in seiner großen Erbärmlichkeit dir vor Augen stellen und dir dieNothwendigkeit zeigen, das einzige wahrhaste und selige Ich anzuflehen, daß eS deinIch werden möge. Sehen Sie, Vater, wie Sie mir da selber die Waffen in dieHand legen? Wenn wir Alle Evakinder, und in unserm eigenen Ich erbärmlich sind,wie Sie selbst sagen, nun wie hat denn Eines einen Vorzug vor Andern? Pfui,mein Sohn, was für häßliche Reden! Hast du eine Welt ohne Ordnung gesehen?