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Schwester, da sie aus Erden lebte, kennet das Mitleid bloß. So bemerket es einhocherteuchteter Mann, mir schein«, der heilige AnselmuS ist'S. Gewiß aber weiß ich,daß eS BerncirduS war (welcher, wie du selber bekennen wirst, doch unendlich höherzu achten ist, als Zehntausend von Deines- und Meinesgleichen), dessen Gebet nochviel deutlicher klingt. Da, hier in diesem Buche steht es: Gedenke, o gütigste Jung-frau Maria, daß es noch nie erhört gewesen, daß Einer, der zu dir seine Zufluchtgenommen, deine Hilfe angerufen, um deine Fürsprache gebeten, von dir verlassenworden sey. — So fange denn kühnlich an, und bitte sie, die heilbringende Jung-frau, sie möge auch dich aufnehmen unter die Zahl ihrer glücklichen Verehrer; und— wenn du dieß Lese- und Gebetbuch für ihre Verehrer hundertmal einbindest, dannlese eS bei dieser Gelegenheit doch Einmal nur.
Ich bin ja nicht dawider, entgegnete Jacques, ich will ja gar nicht störrischseyn, aber ich will nicht per Er behandelt werden und mit einer ganzen Last bepackt,während man gegen anvere Personen, die auch nur zum bürgerlichen Stande gehören,mit größter Freundlichkeit sich benimmt. DaS macht solche Personen stolz, verdirbtdie Einfalt ihres Herzens und stört ihr gutes Verhältniß zu andern Personen, mitdenen sie bisher in Einklang waren, zumal wenn diese andern Personen in Gegen-wart jener Personen so geringfügig genommen werden. — Wer sind denn aber diesePersonen? fragte Herr Falzmann. — Es ist dießmal nur eine, mein Vater, Josephsist's, eine gemeine LebkuchenbäckerStochter; die sitzt dort wie eine Dame du Palaisund stickt goldene Blumen auf rothsammtnem Grund, und ist dabei, Gott weiß wie,aufgeblasen von Selbstgefühl. — Siehst du? siehst du? erwiderte der Alte lächelnd;sie fühlt sich eben auch, das soll man ja nach deinen Ansichten? Aber man kaunBücher einbinden mit Gold, wie wir; man kann Blumen sticken mit Gold, wieJosepha; man kann Lebkuchen und andere Süßigkeiten backen und in Goldpapierwickeln, wie Herr Pankraz, ihr Vater, und dabei doch recht demüthig seyn undbleiben, sofern man Alles nur zur größern Ehre Gottes und zur Freude deS Näch-sten thut.
Recht so! rief Herr Pankraz zur offenen Thüre herein. Und meine Pcpi thutwirklich also, denn sie stickt an einem Mantel unserer lieben Frau.
Das AntoniuS-Glöckletn.
(Eine Reliquie von Guido Görres .)
ES ist vor vielen Jahren zu Ende des Franzosenkrieges gewesen, da war ichin Salzburg, Mozarts Geburtsstadt. Traurige Tage hatten wir damals durchlebt,als der glühende Ehrgeiz des Franzosenkaisers die zahllosen Schaaren der großenArmee in den Winter Rußlands hinausgeführt; vor ihren Augen hatten sie Moskau in Rauch aufgehen sehen; ohne daß sie eS wußten, hatte eS ihnen als Todesfackelihres Leichenbegängnisses geleuchtet; in den Schncegefilden waren sie dem Hunger undder Kälte, den Kugeln und den Pfeilen der verfolgenden Feinde erlegen. Auch ausBayern waren auf Befehl des Unersättlichen, Dreißigtausend hinausgegangen, dieIhrigen harrten noch immer von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monatzu Monat in banger Erwartung auf die Heimkehr ihrer Angehörigen. Doch n^urherzzerreißende, unglückliche Botschaften, nur ungewisse Gerüchte trafen statt ihrer em,und hier und da ein Einzelner, der wie durch ein Wunder dem Tode entronnen.Und doch mochten die Eltern und Geschwister die Hoffnung nicht aufgeben, die immerwieder auch bei dem kleinsten Schimmer aufwachte. In dieser Zeit machten wireinmal in die so wunderschöne Umgegend Salzburgs einen Ausflug. Wir gingenMichelSbach zu; der Weg war reizend; anfänglich führte er durch die reiche wie,en-grüne Ebene, dann erhoben lich waldgrüne Hügel, und dahinter die mächtigen, zumHimmel hinanragenden Felswände des salzburgischen Alpenzuges. In der ländlichenStille und Einsamkeit vernimmt daS Ohr schon in weiter Ferne jeden Jodler, jedenHahnenschrei. Doch darauf achtete ich nicht, es war vielmehr der helle Ton einesGlöckleinS, der mich aufmerksam machte. Sein lauter, silberner Ruf tönte von Zeit