Ausgabe 
12 (26.9.1852) 39
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armseligen Wohnstube ertheilt wird; sondern nebstdem werden auch die Mütter also»gleich vorgesegnet, und daS dürfte der Abficht unserer heiligen Kirche schon gar nichtentsprechen. Du weißt nämlich, daß Vorsegnen der Mütter im Gotteshause rechtfinn- und lehrreich ist; denn gleichwie Maria am vierzigsten Tage nach der GeburtJesu im Tempel zu Jerusalem erschienen ist, um ihren angebeteten Sohn dem allmäch-tigen Vater aufzuopfern, und zugleich auS Demuth daS im mosaischen Gesetze vor»geschriebene Reinigungsopfer darzubringen: so begibt sich auch eine christkatholischeMutter einige Wochen nach der Geburt ihres KindeS in daS Gotteshaus, und opfertihren Sprößling dem himmlischen Vater auf; sie weihet gleichsam ihr Kindlein demDienste GotteS, und dankt dem Allmächtigen in seinem heiligen Hause für die glück-liche Geburt deS KinveS. Nebstdem wird auch jede christkatholische Mutter durch dieVorsegnung daran erinnert, daß der Ursprung deS Menschen noch immer unrein ist,und daß eben deßhalb nicht bloß der Neugeborne deS BadeS der heiligen Taufe, son-dern auch jede Mutter der Weihe oder deS Segens ihrer von Christo gestifteten Kirchebedarf, um wieder würdig im Heiligthume deS Gotteshauses erscheinen zu können.Diese Bedeutung des VorsegnenS nun geht größtentheilS verloren, wenn die genannteCeremonie in der Wohnstube einer Mutter vorgenommen wird. Darum, lieber Freund,wirst Du mit mir wohl einverstanden seyn, wenn ich meine, daß die Mütter ohneweiterS im Gotteshause erscheinen sollten, um sich vorsegnen zu lassen. In Spanien hat ja vor einiger Zeit sogar die Königin ihren Kirchengang öffentlich verrichtet, unddie kleine Prinzessin dem himmlischen Vater vor dem Altare aufgeopfert; warum solltedaS in Wien nicht ebenfalls thunlich seyn? Leider ist auch die Wartung und ersteErziehung der armen Kleinen in Wien nicht lobenSwerth. Ich würde eine lange Zeitund viel Raum in diesem Briefe brauchen, wenn ich Dir alle Febler und Thorheitenschildern wollte, die bei der Pflege der Kinder begangen werden. Namentlich pfleg»man die zarten Geschöpfe selbst mit solchen Speisen und Getränken, die nicht einmalden Erwachsenen zuträglich sind, völlig zu überladen, so daß schon frühzeitig in sieder Keim zu einem lebenslänglichen Siechthum gelegt wird. Nebstdem läßt man eSan der nöthigen Aufsicht fehlen. Sehr nützlich sind darum die Kleinkinverbewahr-anstalten in jenen Vorstädten, die meistens von armen Leuten bewohnt werden; dennin diesen Anstalten werden einige hundert Kinder im Alter von drei bis fünf Jahrenden ganzen Tag hindurch sorgfältig überwacht und beschäftiget, so daß die Elternihret Arbeit ungehindert nachgehen können. Nebstdem lernen die Kleinen beinahespielend recht nützliche Dinge, wie z. B. etwas Rechnen, dann die Buchstaben, undsogar ein wenig Lesen, ganz besonders aber die Anfangsgründe der heiligen Religion.Besser wäre eS freilich, wenn sich die Eltern selbst mit der ersten Bildung ihrerKinder befassen könnten und wollten, denn dadurch würde vie kindliche Liebe undDankbarkeit mehr befördert werden, als durch den Aufenthalt in einer Kinderbewahr-anstalt; allein bei dem jetzigen Stande der Dinge ist von Eltern nicht viel Gutes jverwarten. Nicht genug nämlich, daß die meisten Eltern mit Berufsgeschäften über-häuft sind, sondern nebstdem besitzen sie selbst so wenig Geistes- und Herzensbildung,daß Kinder von ihnen sürwahr nicht viel Gutes lernen können. Ich versichere, daßmir oft daS Herz geblutet hat, wenn ich die zarte Jugend betrachtete, und ihre rohenAusdrücke, ihre schmutzigen, wilden Reden, ihre Schimpf- und Schmähworte hörteoder ihr unbändiges Benehmen sah. Einst hörte ick «in ungefähr dreijähriges Kindmehrere Verse eines abscheulichen Liedes herablallen, und der Bater hatte darübereine große Freude. DaS Kreuzmachen aber und daS Vater unser hatte daS Kindnoch nicht gelernt. Bei den vornehmeren und reicheren Leuten endlich werden dieKinder schon frühzeitig zur Eitelkeit, zur Putz- und Gefallsucht angeleitet. Duwürdest Dich, theurer Freund, gewiß wundern, wenn Du eS mit eigenen Augensehen könntest, wie kostbar und wie phantastisch die Nachkommenschaft der vornehmseyn wollenden Leute in Wien auSstaffirt ist. Wenn Du mich daher mit den bekann-ten Worten, die nach der Geburt deS Johannes Baptista vorgebracht worden find,fragen wolltest: Was wird denn au< diesen Kindern werden? dann würde ich die