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Achseln zucken, und Dir antworten: Ich weiß eS nicht. Gar viel Gutes darfman sich meines ErachtenS nicht versprechen. Da ich jedoch voraussetzen kann,daß Du Dich für die Verhältnisse und Zustände der Bewohner Wiens interessirest,so will ich Dir nächsten» noch weiteren Aufschluß darüber geben. Entziehe unter-dessen deine Gewogenheit nicht deinem
aufrichtigen Freunde N.
Die Erzherzogin Maria von Steiermark«
Mutter Kaiser Ferdinand de» Zweiten.
Rede des Hofraths und ReichShistoriographen Dr. Friedrich Hurrer,gehalten in der P lenarversammlung des Wiener Central,Severi«nuSvereineS am 30. August 1852.
ll.
(Schluß.)
Von den Töchtern wenden wir unS wieder zu der Mutter und deren Obsorgeum alle ihre Kinder. Neben dem Höchsten und Tiefsten, jeder Lebensäußerung dieverklärende Weihe Verleihenden, ward auch von allem, waS auf VervollkommnungdeS Geistes und auf Ausstattung mit manchartiger Geschicklichkeit, je nach der Eigen-thümlichkeit deS Geschlechtes. Bezug Hai, nichts verabsäumt. Die lateinische Sprachenahm damals unter den Anforderungen höherer Bildung dieselbe Stelle ein, welcheseit anderthalb Jahrhunderten der französischen nur allzuwillfährig ist eingeräumt wor«den. Gleich den Erzherzogen wurden auch die Erzherzoginnen in derselben von frühenIahren an unterrichtet; mit welcher Gründlichkeit, zeigt ein jetzt noch vorhandenerBrief, welchen die zehnjährige Erzherzogin Anna an ihren Oheim, den Herzog Wil»Helm von Bayern, in jener Sprache schrieb.
Ferdinand, fünf Jahre jünger als Anna, scheint an ihrem Unterricht Theilgenommen zu haben, denn schon nach seinem vierten Jahre konnte er eS versuchen,seinem Vater ein Brieflein zu schreiben, der freilich der Gemahlin darüber bemerkte:„um eö lesen zu können, hätte ich einer eigenen Ziffer bedurft." Immerhin ist eSein Beweis, daß frühzeitig sein Unterricht begonnen habe. In seinem siebenten Jahreerhielt er solchen im Zeichnen und Malen, denn die Mutter schreibt ihrem Bruder:„Du glaubst nicht, wie der Bube den Lehrer plagt, er muß ihn stets abmalen.'Seinem Erzieher, dem Herrn Jakob von AttimiS, einem eben so erfahrenen als fein-gebildeten und gotteSfürchtigen Edelmann? jener Zeit, schrieb Maria, da Ferdinandeben das zehnte Jahr zurückgelegt hatte: „Ich sehe auS Eurem Schreiben, daß allemeine Kinder sich wohl befinden; daß mein Ferdinand zeichnet, höre ich gerne.Grüßet mir denselben und saget ihm, daß er fromm und gehorsam sey, durchausnie etwaS von Euch begehre, waS ihm nachtheilig wäre. Saget ihm, ich hätte seinenBrief wohl empfangen."
Die Sorgfalt der Erzherzogin um ihre Kinder spiegelt sich am hellsten ab ineinigen Briefen derselben, welche ihr zweiter Sohn, Maximilian Ernst, veranlaßte.Klagen des Lehrers über denselben hatten Mahnungen, Erinnerungen, selbst Drohun-gen an ihn zur Folge. Aber als verständige Mutter wünschte Maria zu wissen: obzu große Strenge deS Lehrers oder wirklicher Ungehorsam deS Zöglings die Klagenhervorgerufen hätten, denn der Erzherzog stand bereits in seinem achtzehnten Jahre.Alles aber, was wir über seine Persönlichkeit wissen, berechtigt zu der Vermuthung,daß die Behandlung deS LehrerS nicht die zweckmäßigste gewesen sey. Doch schriebMaria dem Beichtvater Ferdinands: „nichts könnte ihr mütterliches Herz mehr erfreuen,als wenn Mar seine üblen Gewohnheiten wollte ablegen, ein vortrefflicher Fürst wer-den. Gingen ihr aber von Lehrern und andern Personen unablässig Beschwerden überdenselben zu, so wäre eS nicht anders, als wenn man ihr daS Herz auS dem Leiberisse. Der Pater solle ihn ermähnen, daß er sie nicht immerfort betrübe, endlich sich bessere."