Ausgabe 
12 (26.9.1852) 39
Seite
310
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

310

Gohn! Gott sey Lob und Dank! Wie, Sie danken noch Gott dafür? Freilich,mein Jacques. Nun lernst du doch, was du bisher nicht gewußt hast, daß wir ineinem Jammer- und Thränenthale leben. O nein, Herr Vater, ich werde wederjammern noch Thränen vergießen, dazu bin ich wirklich zu stolz. Aber waS hastdu denn, mein Sohn? Ist'S der Mühe werth, dick so zu quälen? Der Eine trauertund weint, weil er seinen Herzenswunsch nicht erreichen kann, der Andere, weil erihn erreicht hat; da ist Trübsal und Jammer vor der Heirath oder nach der Heirath,oder auch nach wie vor; darum sind wir ja im Jammerthal!

Sie scherzen da, sagte Herr JacqueS, als ob ich nicht wüßte, daß Sie tag-täglich vor dem Porträt meiner seligen Mutter stehen, und dabei lieber weinen alslachen möchten! . Ja wohl, erwiderte Herr Falzmann'sebr weich, Gott hat sie früh,zeitig von mir genommen. Aber, mein Sohn, darum ist ja auch hier das Thal derThränen! Du hast eS bisher noch nicht erfahren! Nicht? ich bin gewiß einunglücklicher Mensch! Und wer ist'S, der mich so unselig macht, als eben Jene,welche Sie die Allerseligste nennen? Sey still, Sohn, daS ist ja Lästerung!Darf ich'S nicht sagen, mein Vater? warum nicht? Ich komme hierher, und zwarmit ziemiichem Widerwillen, und nur auf Ihr Geheiß, weil ich in unserer Kunst zuviel gelernt habe, als daß ich mich gerne in einer Landstadt damit vergraben möchte.Kaum habe ich Josephs gesehen, als ich schon ganz getrost war, so daß eS mir nim-mer einfiel, jemals von hier wegzugehen. Das weiß Gott , ich bliebe mit tausendFreuden. Da war aber der Meister Pankraz gleich hinterher, und hieß mich seineTochter meiden, und warum? bloß weil ich das Madonnabilv in seiner Stube etwasgar zu schwarz gefunden habe. Der wackere alte Scrvit begütigt ihn kaum auf meineBitte, alS schon ein zweites und noch größeres Unglück dazwischen tritt; denn dakömmt die Fürstin und läßt der Allerseligsten einen prächtigen Mantel sticken und siehtsich Josephs zur Gehilfin auS; davon wird daS gute Kind so stolz, daß sie zu vor-nehm für mich zu seyn glaubt, besonders seit die Fürstin mich per Er zu behandelnbeliebte; und nun ist mein Glück zu Ende.

Aber, mein Sohn, waS du wieder dir zusammen träumst! Vater, eS istklar. Ich wollte, die Fürstin hätte das Geld, daS der rothe Sammt mit der Gold-stickerei kostet, lieber an die Armen vertheilt, so wäre daS sicher ein besseres Werk,und Josepha hätte keine Gelegenheit, einen redlichen, jungen Mann zu verachten,dessen Kunst der ihrigen wohl noch gleich kommen wird! Mein Sohn, die Leiden-schaft schmält ja aus dir, wie, Gott behüte, auS einem Jscharioth? Die Armen, jadie Armen! hast du dich jemals schon um ihre Noth recht eigentlich bekümmert?Oder weißt du auch, was die gute Fürstin für sie thut? Erst gehe hin und erkundigedich darum, und dann urtheile. Urtheile aber auch nicht wie jener, der über Magva-lena'S Verschwendung gescholten hat; denn Maria, die arme Jungfrau auS könig-lichem Hause, ist die Mutter aller Armen, unv die Armen sind eS wahrhaft, dieda wissen, daß sie im Thal der Thränen leben, und diese auch wissen eS, wohin sieum Hilft sich zu wenden haben, und sprechen: Zu dir seufzen wir weinend undtrauernd in diesem Thal der Zähren. Darauf erwidert ihr göttlicher Sohn und sagtes unverholen: Selig die Armen im Geiste, denn das Himmelreich ist ihrer. DieKönigin des Himmelreichs ist aber Maria, darum kennen die Armen auch ihreKönigin. Das weiß und fühlt die gute Fürstin gar tief und ehret die Königin inihrem Bilde durch einen goldgestickten, königlichen Purpurmantel, und die Armenerkennen daS für keine geringere Wohlthat, als wenn sie selber gespeiset unv gekleidetwürden. Ach du mein armer Sohn, wärest auch du ein Armer im Geiste, du wür-dest eS ebenfalls einsehen, und nicht so gesprochen haben, wie Jener, der den GUv-beutel trug und ein Schalk war. Mein Sohn, in heiliger Schrift steht'S: den Armenwird das Evangelium verkündigt. Merke dir'S: nur den Armen!

Ach Gott ! seufzte Jacques, die ewigen Lectionen! Mir ist so wüst, mir ist sowüst! ich wollte lieber, daß alle Donnerwetter mich zerreißen möchten! MeinSohn, erwiderte der alte Falzmann zitternd, sey nicht so mürrisch gegen deinen