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fiebenzigjährigen Vater, dem eS so bange um dich istl Gehe du nur nicht von mir,ich meinerseits will dir nichts mehr sagen, was dich aufbringen könnte. — EinStrom von Thränen ergoß sich von seinen grauen Wimpern. Beim MittagStisch saßer still und freundlich, doch ohne einen Bissen zu berühren, Herr JacqueS aß auchnichts. Nachmittags nahm er die neu gebunoenen Gebetbücher zusammen und sprach:Ich gehe damit zur Fürstin. Du kommst wohl auch nach? — Herr JacqueS küßteihm die Hand, vermied aber, ihm in die Augen zu sehen. Kopfschüttelnd ging deralte Falzmann seinen Weg.
Herr JacqueS machte sich alSbalv auf, schnürte sein Felleisen, warf sich insein Reisegewand, worin er ein Mittelding von pilgerndem Künstler, weitauSsahren-dem wissenschaftlichem Kopf und wanderndem HandwerkSburschen vorstellte, nahmseinen Knotenstock zur Hand und begab sich, ein eben so kurz als erhaben stvltsuteSBrieschen zurücklassend, auf den Weg. Gern hätte er noch ein anderes, schöner nochstylistrteS an Josephs ausgefertigt, dieß ließ jedoch sein gekränktes Herz nicht zu;uno dieß Eine nur mochte er sich nicht versagen, sie noch einmal, wenn auch vonferne nur, zu sehen. Er ging deßhalb den Fußsteig längs des Schloßparkes hinanim Schweiße seines Angesichtes, bis zu der schattigen Anhöhe, wo dem Vernehmennach der LieblingSaufenthalt der Fürstin war. Da trugen die glühenden Lüfte deSSpätsommers ihm diese LiedeStöne auS Josepha'S Mund entgegen:
Wir trauern wohl und klagen,
Umringt von Leid und Qual;Doch seh'n wir ohn' Verzagen
Hinauf zum Himmelssaal;Maria, hör' uns weinen,Lieh', Mutter, auf die Deinen
Herab ><S Thränenthal!
» Auch du hast einst getrauert,
In unermcß'ner Qual,Alö schneidend dich durchschautet
Der herbe Schmerzensstahl;Hast mit dem Sohn gelitten,Mit Angst und Tod gestritten
In unsrem Thränenthal.
Znm blut'gen Opfcrmahl,Hat Er «nS Dir gcschenket,
Zu Kindern allzumal,Daß du uns mild regierest,Und mütterlich uns führest
AuS diesem Thränenthal.
Nicht sowohl gerührt als verdrießlich über dieß Lied und dessen Sängerin schrittHerr JacqueS seinen Fußsteig fort, bis er eine WalveShöhe erreichte, wo er vonder Hitze ermattet unter einen Baum sich lagerte. DumpfeS, fernes Donnergerollund trübes Nachsinnen wiegten ihn in einen ängstlichen Schlummer ein, auS welchemnach Kurzem wieder ein heulender Wettersturm ihn ewporriß. Da zog unter leuch-tenden Blitzen eine gräuliche Hagelwolke über seinem Haupt daher und rasselte indie Thäler hernieder; dem Buchbinder aber ward bange zu Muthe und er mußte andas Gesetz denken, daS mit Donnerschlägen und Blitzesflammen verkündet nmrd:Ehre deinen Vater und deine Mutter! also daß er ängstlich durch daS Dickicht herab-klimmte, um die Landstraße zu erreichen. Unten im Dorfe war des WeheklagenSviel, und als der Sturm vorübergezogen war, stieg der Jammer erst aus'S Höchste,