Ausgabe 
12 (3.10.1852) 40
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von den HauSofficieren und brachte ihr einige Schlüssel mit den Worten: JungferPepi, Ihr Vater war vorhin da und läßt Ihnen sagen, Sie sollen heute Nacht zuHause seyn, so auch morgen, weil er mit dem Buchbindermeister eiligst verreisenmüsse. Merken Sie etwas? sagte Joseph«; mir geht beinahe ein Licht auf wegendes Felleisens, welches der Fürstin auch schon so seltsam vorgekommen ist. Oderglauben Sie, die Fürstin habe an Ihnen keine Verlegenheit bemerkt? ihr entgehtnichts so leicht! Liebe, liebe Joseph«, erwiderte JacqueS mit unsicherer Stimme,in der That habe ich einen dummen Streich begangen, an dem zwar Sie selberschuld sind; und ich möchte um alles in der Welt bei der Fürstin nicht in Ungnadeoder in ein verächtliches Licht gerathen. Machen Sie also die Fürsprecherin für mich;ich will Ihnen Alles erzählen, waS ich auf dem Herzen habe. Fürsprecherin,erinnerte Josephs lächelnd, waS für ein besonderes Unglück Sie haben, lauter solcheWorte vorzubringen, mit denen man vorsichtig umgehen muß, weil sie inS Gebetgehören und nicht zu den Alltagsdingen. Ja, wenden Sie sich nur an die wahreFürsprecherin, welcher Niemand jemals vergeblich seine Bitte vorgelegt hat, und wennSie nicht ganz verstehen sollten, welche ich meine, so will ich sie Ihnen nennen.

Ich weiß schon, ich verstehe schon, antwortete Jacques mit halb bitterer Freund-lichkeit; die Fürstin, der Prior, mein Vater, Ihr Vater und Sie, das sind zusammenfünf, und diese fünf reden allezeit daö Nämliche. Mir ist'S ja recht, ich will ja dieAllerseligste auch verehren und veneriren, weil Diejenige, deren Sohn von allenMenschen angebetet werden muß, billig von allen Menschen zu verehren ist; aberzwingen soll man mich nicht, Niemand soll mich zwingen; keimn Zwang lasse ichmir nicht anthun. Es ist erschrecklich, wenn so Alles hinter einem her ist, da mußman ja endlich auf und davon gehen I Und glauben Sie etwa, Josepha, eS sey mirein Leichtes gewesen? weil Sie nicht wissen, Kind, weil Sie nicht wissen! Erbrach in Thränen auS und konnte sie mit dem regennassen Schnupftuch nicht trocknen;und als Josepha ihm ihr eigenes Tuch zu diesem Ende anbot, weinte er noch mehr,dabei schien ihm der letzte rothe Abendsonnenstrahl ins Angesicht und spiegelte sich inden Thränen, und umgab den trotzigen, jungen Mann mit einer eigenen, mildglän-zenden Umschrift, deren Inhalt war: So hat dieser ausgesehen, als er noch ein Kindwar und klaren Gemüthes.

ES haben (im Vorbeigehen gesagt) die Frauen dieß Eigene, daß sie keinenMann weinen sehen können ohne inniges Mitleid. AIS noch (und zwar nicht geradenur im Mittelalter, sondern bis nahe in unsere Zeit herein) Fürsten und Feldherren,Bürger und Kaufleute, Gelehrte und Künstler (selbst Professoren und Landrälhe nichtausgenommen) im Brauche hatten, zur Mutter deS Herrn zu rufen, und mit Thränenihre Sorgen und Mühen dieser großen Fürsprecherin anzuempfehlen, haben sie diesesselige Mitleid gar oft und reichlich erfahren, und sind erfreut, erhört oder getröstetworden. Ist es nicht schade, daß dieser Brauch jetzt so selten ist? Auch bei derFürstin verwandelte sich die strenge Miene, mit der sie in den Vorsaal heraustrat,sogleich in jene der Rührung, als sie den weinenden JacqueS sah. Sie stand einigeAugenblicke schweigend ihm gegenüber, ohne daß dieser die Augen zu ihr aufzuhebensich getraute, da sprach sie: Ihr Gewissen, mein Lieber, scheint Ihnen bereits zusagen, wie unrecht Sie sich benommen haben. Ihr armer Vater wollte Sie findenund zurückholen, sicher hat das ganze Unwetter ihn getroffen, und das kann diesemGreise nicht wohlthun, so wenig als Ihr Ungehorsam. Bedenken Sie daS rechtund bitten Sie Gott , daß er AlleS inS Gute lenke; denn Sie haben eine schwereSchuld auf sich. Denken Sie auch jetzt noch daran, ihn zu verlassen? HerrJacqueS schüttelte verneinend den Kopf. Nun denn, fuhr die Fürstin freundlichfort, so folgen Sie indessen mir; ich setze wenigstens daS Vertrauen in Sie, daßSie so artig seyn werden, mich für Sie sorgen zu lassen. DaS Weitere wird derHerr Prior Ihnen sagen.

BenitiuS nahm Abschied und führte den Flüchtling mit sich fort. Lieber Sohn,erklärte er ihm aus dem Wege, die Fürstin will die volle Sicherheit haben, daß Sie