Ausgabe 
12 (3.10.1852) 40
Seite
316
URN (Seite)
  
 
Einzelbild herunterladen

31«

nicht neuerdings davon ziehen; darum bin ich zu Ihrem Wächter bestellt, jedoch allesin bester Freunvschaft und nach Ihrem eigenen, freien Willen, welchen der Menschnur dazu erhalten hat, damit er ihn durch den schönen und liebreichen Gehorsam demhöchsten und absoluten Willen aufopfere. Wohlgemerkt, ich behalte Sie nur dieseNacht über, und höchstens so lange, bis Ihr Herr Vater zurückkommt.

Sie gingen vor dem Hause des letztern vorüber, da war alles dunkel undstille, und der Laden von außen mit Querbalken verriegelt, wo eS um diese Zeitschon ein lebhaftes Zeitungsgespräch mit den Nachbarn absetzte. Eben warf der Winddie Fenster oben an des alten FalzmannS Schlafkammer mit Macht auseinander und klirrten die letzten Glasscheiben von selben auf die Gasse herunter. Ach, meinGott! begann Herr JacaueS zu seufzen, wenn nur meinem Vater kein Leid geschehenistl Wir stehen Alle in GotteS Hand, sagte der Prior, und eS ist gar nichtgeheuer mit der Zeichendeuierei, aus dem Vogelflug unv auS zerbrochenen FensternUnglück zu wiltern. Aber freilich, wer ein böseS Gewissen hat, verfällt leichtlichauf solch ein Unwesen. Ihr Vater hat im Forteilen die Fenster zu befestigen ver-gessen und nun treibt der Sturm sein Spiel damit. Sie, mein lieber Sohn, habenim Forteilen daS vierte Gebot festzuhalten vergessen, darum sind Sie auch dem Nacht-sturm Preis gegeben. Nun ängstiget sich Ihr Vater um Ihretwillen und Sie umseinetwillen, und eS ist nur Ein wesentlicher Unterschied dabei, der tief innen imGewissen geschrieben steht. Ehre deinen Vater, sagte der heilige Geist, in Werkenund Worten und in aller Gedulv; stütze sein Greisenalter und kränke ihn nicht! Dieß,mein lieber Sohn, führen Sie sich zu Herzen und die große Beleidigung deS gött-lichen Gesetzes, denn hierin liegt mehr, als in dem Omen mit den Fensterscheiben.

Es ist wahr, sagte der Tiefbestürzte, und ich kann's nimmer läugnen. Vorhinwar's mir mehr um die Fürstin zu thun und um die Gefahr, von ihr verachtet zuseyn, jetzt erst wird mir meines VaterS wegen so angst, daß ich vergehen möchte.Ach, mein bester Herr Prior, ich bin ganz verzagt worden! Getrost, mein Sohn,entgegnete dieser; Sie sind nicht mehr auf dem schlimmsten Wege. Woher kommtdenn alles Unglück und Uebel in der Welt, als davon, daß unsere Stammelternihrem Vater, dem ewigen Vater ungehorsam wurden und sein Gebot verließen? Sieund wir Alle haben ihn verlassen, doch er nicht uns. Er hat eine zweite Evaerschaffen und durch sie seinen eingebornen Sohn uns gegeben, auf daß derselbe durchseinen Gehorsam uns .wieder mit dem Vater vereinige. Er kam, der himmlische Sohnder Unbefleckten, er, die weseniliche Weisheit, kam und lud unS zu sich, und bezeugte:er sey nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder. Und wenn erunS beruft, wie sollten wir unS fürchten, zu ihm zu gehen? Stellet ihn euch nichtstrenge vor, spricht BernarduS, da er doch gütig ist; furchtbar nicht, da er so hold-selig ist! WaS fürchtet ihr Schwachgläubigen? Hat er mit eigenen Händen doch eureSünden an'S Kreuz geheftet! Fürchtet ihr aber die göttliche Majestät in ihm, der,obgleich er Mensch geworden, doch Gott geblieben ist, und bedürfet ihr also einerFürsprache? Wohlan denn, nehmt zu Maria eure Zuflucht! Sie ist die Leiter, diezur Höhe der göttlichen Gnade hinan führt, so wie sie die Leiter war, durch welchedie Gnade zu unS herab gekommen. Sie ist die Zuflucht der Sünder, denn sie istja die Mutier deS SeligmacherS, der nur um der Sünder willen gekommen ist.Darum erheben wir weinend und jauchzend unsere Seele zu ihr, und rufen: Eja,unsere Fürsprecherin! Unsere liebe Frau, unsere Mittlerin! In diesem Sinne ruft auchder heilige Thomas von Villanova : Seyd getrost, ihr Kleinmüthigen, athmet frei,ihr Geängstigten; deS ganzen Menschengeschlechts mächtigste und weiseste Fürsprecherinist ja die jungfräuliche Goltesgebärerin!

Ich wiu's nicht verhehlen, sagte Herr JacaueS nicht ohne Rührung, daß ichin frühern Jahren eine große Liebe und Ehrfurcht zu ihr getragen habe, und daß ichdamals sehr glückselig war. Aber eS ist mir nimmer zu Muthe, wie eh' und wiezuvor, ich kann nicht glauben, daß ich je wieder zu einer solchen innerlichen Mei-nung gelange. Ei, mein Kind, nur daS Vergangene bereuen und fleißig anklopfen.