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In freudiger Ueberraschung sank er fast vor ihm nieder; der Greis aber umfing undküßte ihn, und sprach: Mein Sohn, ich habe deine Stimme gehört, und doch hätteich meinen Ohren nicht getraut, würde ich dich mit meinen Augen nicht gesehenhaben. — ES war dieß die Buße, sagte JacqueS ganz leise, die der Prior mir auf-gegeben hat. — ES war auch die Prüfung, mein Sohn, setzte der Prior hinzu,ob's dir Ernst sev auf dem neuen Wege, oder nicht. — Und der Alte umfing undherzte ihn von Neuem; die Fürstin aber, die mit Josepha einige Schritte von ihnenverweilt halte, trat hinzu und sprach: Kindesliebe und Vaterfreude — welch' eineschöne Blume mehr an unserer lieben Frauen Mantel.
i:,".-l!Ä nsS na« vsjzMErfahrungen eines katholischen Geistlichen in Wien .
' Geschildert in harmlosen Briefen.
(Oesterr. Volksfreund.)
III. Die Pfarrschule.Theuerster Freund!
Ein für mich heißer Tag ist wieder glücklich vorübergegangen, in dieser Wochenämlich ist die Schule, der ich als Katechet zugetheilt bin, visitirt, und über dieliebe Jugend die vorgeschriebene Prüfung gehalten worden. An solch einem Tagemuß ich jederzeit viele Schweißtropfen vergießen — und zwar nicht bloß deßwegen,wcil im PrüfungSzimmer, welches mit Kindern und Gästen überfüllt ist, sich einschrecklicher Dunst entwickelt, sondern auch wegen der Anstrengung, die mit derPrüfung so vieler Kinder aus der Religionslehre verbunden ist. In jeder Psarr-schule Wiens nämlich bestehen gegenwärtig vier Abtheilungen von Kindern, die inder heiligen Religion unterrichtet und am Ende deS Schuljahres geprüft werden.Die Zahl der Schulkinder beläuft sich in jeder Schule aus 300 bis 400, und diesealle soll ich als Katechet nach ihren Fähigkeiten, nach ihrem Fleiße und nach demMaaße ihres Wissens kennen, um eine entsprechende Prüfung zu halten. Nun istzwar der hochwürdige Herr Visitator jedesmal so gütig, seine Zufriedenheit auszu-drücken , auch werden jedes Jahr viele von hochherzigen Wohlthätern gespendete Prä-mien vertheilt; allein ich muß gestehen, daß ich selbst mit den Kenntnissen, so wieauch mit der Aufführung der Schulkinder in Wien nicht zufrieden bin. Die armenund in mancher Hinsicht unbeholfenen Dorfkinder waren mir lieber, als die schmucken,gesprächigen und witzigen Kinder der Stadt; denn bei jenen habe ich weit mehr Fleißim Schulbesuche und zu Hause, so wie auch weit mehr Eifer im Gottesdienste ange-troffen, als bei den Schulkindern in der Stadt. Darum konnte ich mit der HilfeGotteS bei der Dorsjugend einen tiefen, festen Grund der Gottesfurcht und Frömmig-keit legen; während ich bei der Stadtjugend sehr daran zweifle, daß sie von christ-licher Gesinnung durchdrungen auS der Schule ins Leben treten wird. Gewiß wirstDu diesen Zweifel mit mir theilen, wenn ich Dir sage, daß viele Kinder in Wien hundert- bis zweihundertmal im Jahre auS der Schule wegbleiben, und die wenigstenzu Hause zum Lernen angehalten werden. Den Einen fehlt eS an der nöthigen oderdoch an der zur Befriedigung der Eitelkeit erforderlichen Kleidung, den Andern fehlteS wieder an den vorgeschriebenen Büchern und sonstigen Schulerfordernissen, nochAndere müssen schon frühzeitig Opfer des Eigennutzes ihrer Eltern seyn, und nichtWenige bringen mit ihren Eltern im Sommer einige Monate auf dem Lande zu,ohne auch nur an die Schule zu denken. Manche Schulen, die sonst von den Kin-dern der Wohlhabenden besucht werden, stehen während der Sommermonate ganzleer, da sich die liebe Jugend in der Umgebung Wiens munter herumtreibt. Dieärmern Leute hingegen nehmen ihre Kinder wenigstens an Sonn- und Festtagen mitauf'S Land, von wo ste erst spät in der Nacht zu Hause wieder ankommen, undzwar in einem für die zarte Jugend sehr verderblichen Zustande. Man gibt nämlichden Kindern auf einer Landparthie sehr häufig sogar Wein und Bier zu trinken.