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Die Folge vom Trinken, so wie auch von der Ermüdung ist dann in der Schule nurzu deutlich zu bemerken. Die meisten Kinder befinden sich nach einem schönen Sonn»und Feiertage in jenem Zustande, den die Burschen in den deutschen UniversttälS-stävten mit dem Namen „Katzenjammer" zu bezeichnen pflegen. Ueberdieß herrscht inWien der Uebelstand,' daß die Kinder balv wegen der WohnungSveränderung ihrerEltern, bald aber auch, weil sie vom Lehrer oder Katecheten ein wenig schief ange.schaut worden sind, zu jeder beliebigen Zeit auS der einen Schule auSireten und sichin eine andere aufnehmen lassen. Ich wenigstens habe fast in jedem Monate einigeneue Schüler bekommen und andere dafür verloren. Endlich muß ich eS Dir, lieberFreund, bitter klagen, daß die Jugend in Wien nicht zum Gottesdienste, zur An-hörung der heiligen Messe und zur häuslichen Andacht von den Eltern aufgemuntert,sondern vielmehr davon abgehalten und auf vielfache Weise, namentlich auch durchdie Uebertretung deS Fastengebotes und durch die Berschmäbung der heiligen Sacra-mente geärgert wird. Nach allem dem wirst Du Dich wohl nicht wundern, wennDu hörst und auS den Zeitungen entnimmst, daß die Jugend in Wien unwissendund sittenlos ist; noch wirst Du die Schulv hiervon auf die Geistlichen und Lehrerschieben. Ich habe mir die Schule gewiß angelegen seyn lassen, und ich muß geste-hen, daß ich immer recht eifrige, biedere, für die heilige Religion eingenommeneLehrer an meiner Seite gehabt habe, die mich in der Erfüllung meiner Pflichten stetSzu unterstützen suchten > allein durch den Leichtsinn, die Thorheit, oder Verderblheitder Eltern ist unsere Mühe größtenlheilS vereitelt worden.
Einmal aber habe ich einen Kleinbürger, der seine Kinder von der Schuleabhielt, recht derb zurecht gewiesen. Der Mensch sagte mir nämlich, als ich ihnseiner armen Kinder wegen zur Rede stellte: „Die Kinder gehören mir, ich muß sieernähren, darum kann ich aus ihnen machen. waS ich will." Darauf gab ich ihmnun zur Antwort: „Wem werden denn ihre Kinder gehören, wenn Sie, mein Herr,einmal todt sind? Werden Sie sich dieselben vielleicht mit ins Grad nehmen? MerkenSie sich daS: Ihre Kinder gehören nicht bloß Ihnen, sondern sie gehören auch Gott,sich selbst, dann der Kirche und dem Staate an. Gott hat Ihre Kinder erschaffenzu seiner Ehre; die Kinder selbst wollen einst ihr Fortkommen hier auf Erden undjenseits die ewige Seligkeit finden; die Kirche wünscht gute Christen und der Staatbrave Bürger zu haben. Darum dürfen Sie auö Ihren Kindern nicht machen, waSSie wollen, sondern Sie sollen auS ihnen machen, was Gott haben will, waS dieKinder einst selbst wünschen werden, und was sowohl die Kirche als der Staatwünscht. Mit einem Worte: „Sie sollen Ihre Kinder christlich erziehen, und wennSie daS nicht thun, so werden Sie furchtbar bestraft werden, sowohl in ver Zeit,als auch in der Ewigkeit; venn Sie selbst haben eS bei der Trauung unter einemEide versprochen, die Kinder, welche Ihnen Gott anvertrauen wirv, gut zu erziehen.Ein Mensch aber, der das nicht erfüllt, was er unter einem Eide versprochen hat,wird ein Meineidiger genannt, und von dem strafenden Arme Gottes früh oder spätschmerzlich getroffen. Uebrigens muß ich Ihnen auch sagen, daß die Kirche Ihnengar nicht vaS heilige Sacrament der Ehe sammt ihrem Segen gespendet und derStaat Ihnen gar nicht die Erlaubniß gegeben hätte, Bater zu werden, wenn Sienicht feierlich versprochen hätten, Ihre Kinder sorgfältig zu erziehen. Ein ehrlicherMann aber hält Wort." Auf diese etwas hastig gesprochenen Worte erwiderte derMann gar nichts, sondern ging brummend davon. Wahrscheinlich hat er mich einenJesuiten genannt; allein durch diese Benennung werde ich nicht beleidiget. In derFolge kamen seine Kinder fleißiger in die Schule und hatten einen großen Respectvor mir. Du siehst hieraus, theurer Freund, daß man sich in Wien mitunter einwenig ereisern muß. Bete nur für mich, daß ich vom heil. Geiste mit einem weisenund ausdauernden Eifer erfüllt werde. Um dieß ersucht Dich dringend
Dein Freund.
Beraotwortlicher Redacteur: L. Schönchen.
VerlagS-Znhaber: F. <5. Kremer.