Zwölfter Jahrgang.
Sonntags-Beiblatt
zur
Augsburger Posheitung.
17. October ^ ^2. 185S.
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Rom und die Kirchengeschichte.
Wie viel hundert und hundert Mal ist geklagt worden, daß Rom nicht jedemdahergelaufenen übelrüchigen Subject, welches sich das Prädicat „deutscher Gelehrter"in gewichtiger Selbstschätzung beigethan, die Schränke seiner großartigen Bücher- undManuscriptensammlungen alsogleich unter Trompeten- und Paukcnschall geöffnet hat?WaS für Anhängsel sind an solche Klagen nicht immer bitterböse beigefügt worden?Da hieß eS: Seht ihr, waS Rom selber und daS heilige Collegium der Cardinäleangeht — da lassen die Herren nicht gern in die Karlen schauen, da lieben sie eSnicht, daß der Weltgeschichte actenmäßigeS Licht aufgezündet werde, da zeigt sichdeutlich ihr Streben, über manches Geschehene, was den Ihren nicht zur Ehregereicht, den Schleier ungelüftet zu lassen für ewige Zeiten; da habt ihr RomS
wahres Signal: Engherzigkeit und Lichtscheu!--AIS Theiner seinen Cardinal
Frankenberg herausgab, haben wir selbst in unsere Ohren vernommen, wie einzwar geborner, aber im Schlepptau jämmerlicher öffentlicher Jugendbilvuug ausge-wässerter Katholik, der noch immer die ihm aufgekleisterte Nolteck und W'elker'scheGeschichtsanschauung nicht loö werden kann, bemerkte: „Wäre der Cardinal Franken-berg gegen Rom gewesen, wäre er ein unsittlicher Charakter gewesen, so Halle man in Rom dem Theiner gewiß nicht erlaubt, die Actenstücke zu veröffentlichen."Nun gibt aber Theiner — in Rom vom heiligen Vater selbst angestellt — unterdeS PapsteS Augen die Beiträge zur Geschichte der Kirche in Schlesien heraus, undda wirb einer der höchsten kirchlichen Würdenträger, ein Cardinal und Bischöfe sohart und entschieden, so wahrheitsgetreu und ihrer Persönlichkeit halber nachsichlSloSin allen ihren Lebensbeziehungen durchgenommen, daß die so oft vorgebrachten erlo-genen Klagen und verkleinernden Lamentationen in ihrem wahren Lichte dastehen.Dieß neue Werk Theiners gibt in der That einen neuen Beweis von der Großartig-keit, mit welcher in Rom die Wahrheit in der Kirchengeschichte über alleandern kleinlichen Rücksichten gestellt wird. Wenn auch die Acten und Thatsachen dem Todten nicht zur Ehre gereichen, so muß doch die Geschichte ihre Sendung,ihren Zweck, erfüllen. Ihr Zweck aber ist nicht, die Thatsachen zu enthüllen,dem Todten zur Unehre, sondern den Lebendigen zur Lehre. Wenn nunder Fürstbischof von BreSlau , Cardinal Sinzendorf, dargestellt wird, wie er wohl„gesetzt vom heiligen Geiste" und begabt mit hoher Würde, doch dieser Würde,dieser Setzung, diesem Berufe durch seinen Werth, durch seine That nicht im minde-sten entsprach, und statt seinen Beruf zu erfüllen ' von ihm abgewichen ist, wenndargestellt wird, wie er seinen kanonischen Rath, sein Domcapitel jederzeit ver-schmähte, wie er nur an blinden oder blöden, an Schmeichlern, an nur irdischeRücksichten kennenden und stellensüchtigen Klerikern sein Behagen fand, wenn er