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Religion fast verbannt war; der alte, lange verkannte Choral kommt wieder zu ver-dienten Ehren, die Ornamentik tritt mit dem kirchlichen Baue und der Heiligkeit deSgeschmückten Gegenstandes in Eintracht, und die gotteSdienstlichen Gesäße und Ge«rälhschaflen erlangen wiever Charakter und Styl. Seit dem Ende deS MittelalterShat die religiöse Kunst nichts Besseres, alS daS schon Vorhandene, schaffen können;deßhalb wandte sich der fromme Sinn dem verrufenen „finsteren" Mittelaltcr wiederzu, und mit Staunen und Bewunderung steht der Beobachter vor seinen herrlichenWerken, dessen Verständniß ihm die einschlägige Literatur der letzten J'ahre ver-milielt hat.
Unter diesen Umständen ist die Crefelder Ausstellung mittelalterlicher Kunst-gegenstände ein Zeichen der Zeit, ein Beweis deS neu erwachten kirchlichen SinneS;vor zehn Jahren wäre sie noch nicht möglich gewesen oder hätte wenig Besuchergefunden, während sie jetzt, auch nach der Londoner und andern Industrie-Ausstel-lungen, ein sehr großes Interesse in Anspruch nimmt. Wer den andauernden Fleißund die Opserwilligkeit, wer prachtvolle kirchliche Arbeiten in Silber und Gold, inSchmelz , Email und Filigran aus der romanischen und gothischen Periode, werkunstreiche asiatische Gewebe, die der Frommsinn der Vorfahren dem höchsten Herrngeweihet, wer die ursprüngliche Form kirchlicher Gewänder und Gefäße (Caseln,Kelche, Patenen, Kreuze) und ihre Aenderung zu der jetzigen Gestalt sehen, verglei-chen und bewundern will, der gehe nach Crefeld .
Eine ausführliche Beschreibung überlasse ich einer andern Feder, kann jedochnicht umhin, folgende Gegenstände namentlich zu nennen: die Caseln deS heiligenHeribertuS, Bernard und Bruno, deS Albertus MagnuS, Monstranzen und Ciborien,Ostensorien und Reliquiarien, Kreuze (darunter ein sehr altes) aus der romanischenund gothischen Zeit, Statuetten, Weihrauchfässer; den großen Altarteppich aus demKölner Dome und den durch den Crefelder Marienverein gefertigten Altarteppich;eine Stickarbeit: „Christus am Kreuze" (wunderschöne neue Arbeit Crefelder Damen);Webereien der Herren Casaretto und Kleinenbroich. Neben den alten Werken derGoldschmiedekunst haben und verdienen die romanischen und gothischen KirchengefäßedeS Herrn Dutzenberg ihre Stelle.
Der Eindruck, welchen die Ausstellung auf den Beschauer macht, ist ein erhe-bender; sie reißt zur Bewunderung der mittelalterlichen kirchlichen Kunstperiode undzur gebührenden Geringschätzung der folgenden hin, wo die Glaubensspaltung ihreunheilvollen Früchte auch im Verfalle der kirchlichen Kunst hervorbrachte, wo diekirchlichen Kunstwerke in der Rumpelkammer und gegossene und gepreßte Gefäße aufden Altären standen.
Auf, gen Crefeld ! lasset euch erleuchten durch die Werke deS „finsteren" Mit-telalterS! (Z. z. V. H.) _
Unsrer lieben Frauen Mantel.
Eine Erzählung in steben Lcctionen über da» Salve Negina.Siebente Lection:„Und nach diesem Elende zeige un« Jesum, die gebenedeite Frucht deines Leibes."
Es ist wahr, sagte Meister Pankraz, es ist nichts Besonders in und an derWelt; Alles ist höchstens nur Versuchung, Lockung, Prüfung. Meine eigene Hand-thierung lehrt das schon! WaS den Menschen nährt, ist Mehl und Wasser; der Honig,den ich hinzuthue, ist schon eine Lockung. DaS tägliche Brod ist unS Menschenkindernnicht genug, wir wollen auch Lebkuchen haben, und unterstehen unS, in unsererdeutschen Sprache dergleichen Honigbrod Lebkuchen zu nennen, als wollten wir damitzu verstehen geben, daß wir nicht vom Brod, sondern von der Süßigkeit unser Lebenhaben. DaS pflegt aber oftmals eine elende und eingebildete Süßigkeit zu seyn,zumal wir von der Ehre leben, und vom Ehrhunger geplagt werden.