Ausgabe 
12 (17.10.1852) 42
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WaS wollen Sie aber damit sagen? entgegnete der Kranke. Nichts, mein lieberHerr Falzmann, sprach der Lebkuchenbäcker, als dieses, daß am gestrigen FesttageAlles sebr gut abgelaufen ist. Ist nicht Ihr Jacques ein Junge voll Glanz undNettigkeit? Der hak eine große Portion Ehre zu seinem täglichen Bedarf nöthiggehabt; jetzt aber lebt er ganz sparsam damit, ist auch gestern ganz friedfertig inIhrem Bilver- und Bücherhüttchen neben der Kirche gestanden, und hat Groß undKlein auf'S bereitwilligste abgefertigt. Und meine Pepi vollends hat ihre Stickereiam Frauenmantel und daS, waS sie bet der Fürstin gilt, nicht allen Neidharden insAuge geleuchtet? Viel Ehre, ja wirklich gar zu viel Ehre; und ich, als ihr Vater,habe auch meinen Theil davon mttgegessen und mitgenossen; aber wie benimmt sichgestern daS kluge Kind? Sie steht ganz bescheidentlich in meiner Lebkuchenhütte undverkauft Reiter, Marzipan und Pfeffernüsse an Groß und Klein, als wäre sie nie-mals am Stickrahmen einer durchlauchtigen Fürstin gesessen I

Der Kranke sprach: mich freut es inniglich, daß eS so gut mit unsern Kindernsteht und kann ich nun sorgenlos zum hölzernen Einband mich zusammen legen, inwelchem wir zu ruhen hoffen, bis zur Zeit, da daS große Buch wird aufgethan.Der Lebkuchenbäcker: Trübselige Gedanken daS! Der Kranke: Es ist eben keintrüber Gedanke, die Hoffnung, bald hinauszugehen auS diesem Elende.

Wohl, sagte Herr Pankraz; aber ist denn dieß Leben wirklich nichts als Elend? Ja, bester Nachbar, und zwar im doppelten Sinn. Denn einmal ist daS Elendauf Latein Erilium, zu deutsch Verweisung, und im Elend seyn, bedeutete vor Zeiten,fern von seinem Vaterland wandern. Unser wahres Vaterland ist aber nicht hier,folglich, so lange wir hier sind, sind wir in der Fremde, im Elend. Zum andernist daS Elend auf Latein Miseria, zu deutsch Elend schlechtweg, und das findet sichbekanntlich überall, wo daS Paradies nicht ist; denn wo daö Elend nicht zu findenwäre, da wäre eben schon daS Paradies; nun aber ist selbes dem sterblichen Lebennicht zugänglich, und ist nimmer auf Erden. ES ist aber noch ein drittes Elend,und dieß zwar ist größer als alles übrige, nämlich nicht wissen, daß dieses Leben sonstnichts denn Elend sey.

DaS ist hart, Herr Falzmann. Nicht härter als wahr, Herr Pankraz.Aber weil daS Reden mir sehr hart fällt, so bitte ich Sie, dort die Schrift heraus-zunehmen, ich habe sie schon vorgestern niedergeschrieben, und zwar für meinen Sohn;lesen Sie mir doch die etlichen Zeilen vor. Und Pankraz las, wie folgt:

Außer meinem letzten Willen, so hauptsächlich von zeitlichen Dingen handelt,wollte ich dir, mein lieber einziger Sohn, noch einige gewichtige Worte ans Herzlegen, die sollst du wohl zu Herzen nehmen, aber auch in dem Felleisen sorgfältigbewahren, das dir auf deinen Reisen gedient hat.

Ich zwar, wenn du diese Zeilen liesest, bin von hier hinaus gegangen undhoffe durch die Fürbitte der Mutter Gottes, der ich allzeit vertraut habe, das Ange-sicht meines Erlösers zu schauen. Du aber bleibst noch in diesem Elende.

Ein Elend aber ist dieses Leben^ es erscheine dir nun bitter oder süß, fröhlichoder trübe. Denn obwohl daS Leben oft voll Wolken ist und peinlichem Gewirr,und heimgesucht von Hitze, Frost, Mangel, Schmerz, Sorge, Schmach, eitlem Be-streben, ermüdender Arbeit, Feindseligkeit, Ueberdruß und überhaupt einem Hundert-sachen Alphabet von Armseligkeiten, Bangigkeiten und Calamitäten, so sind doch diesekeineswegs daS Schlimmste, sondern vielmehr das Beste von der Sache, denn siewirken in dir eine Sehnsucht nach dem Vaterlande und zeigen dir daS Elend in seinerwahren Gestalt, während die sogenannten Lebensfreuden, oder die Freuden dicseSElendes, dir seine wahre Gestalt verhüllen, und dich mit solcher Liebe an dieses Elendketten und kitten, daß du des Baterlandes nimmer begehrst.

Und also zwar, da dieß Elend ein doppeltes Antlitz zeigt, ein freundlichesund ein trübes, so traue dem ersten nie, und sey gewiß, daß nur daS letztere dir dieWahrheit sagt. DaS freundliche darf dich nicht zu sehr erlustigen, doch auch vaS